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Editorial
4.2015




Editorial - Wenn Locken ewig locken


  
TITELBILD · Elisabeth Llach · Totchic 2, 2014, Acryl auf Leinwand, 165x106 cm. Foto: Geoffrey Cottenceau


Jung oder alt? Lebend oder tot? Weder noch! Das Modell der Malerin Elisabeth Llach ist ein synthetisches Geschöpf. Es wirft Fragen auf, stösst ab und zieht dennoch unsere Blicke an. Die Bluse, ein weisser zarter Hauch von nichts, und um den Hals schlingt sich ein rabenschwarzes Band: ein Porträt in Schwarzweiss, mit etwas Rouge auf Lippen und Wangen. Alle Zwischentöne sind ausradiert.
Die Nummer 2 aus Llachs Reihe ‹Totchic› hat viele Schwestern. Schwestern, die sich gleichen - nicht weil sie genetisch verwandt sind, sondern weil sie denselben Bildern nacheifern oder vielleicht denselben plastischen Chirurgen haben. Sie wirken todschick und unendlich einsam, sind nur darauf getrimmt, einem imaginierten Gegenüber zu gefallen.
Llachs Gemälde machen deutlich, wie ambivalent die Schönheitsbegriffe sind, die unsere Gesellschaft prägen. Sie führen vor Augen, dass das Hadern mit dem eigenen Körper nicht allein das Problem von Teenagern auf der Suche nach ihrem Selbstbild und einem Platz in der Welt ist. Vielmehr ist Schönheit ein wesentlicher Erfolgsfaktor. In einer zunehmend aufs Visuelle gerichteten Welt misst sich Führungsqualität an der medialen Ausstrahlungskraft, nicht an der fachlichen Fähigkeit - eine Kehrseite des Iconic Turn.
Was fällt besonders auf am Körper dieser Frau? Die Haare: ­gelockt und doch total frisiert. Sogar die Scham wirkt säuberlich getrimmt. Mit Haaren verbindet sich Erotik. So gingen ­wehende Haare im ­Jugendstil auch mit einem neuen sinnlichen Bild von Weiblichkeit einher. Kein Wunder, gelten in gewissen Gesellschaften sichtbare Haare als Provokation. Doch auch Freiheit kann schnell ins Gegenteil kippen. Wenn Locken ewig locken und reife Frauen Mädchen mimen müssen.



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Ausgabe 4  2015
Autor/in Claudia Jolles
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