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Besprechung
4.2015


Heidi Brunnschweiler :  Betritt man das Museum Tinguely, schlägt einem ein kräftiger Nelkengeruch in die Nase. Die Schau zum Thema Duft wartet mit unzähligen Gerüchen auf. Die Erkundung der ästhetischen Leistung des entwicklungsgeschichtlich ältesten Sinnessystems wird zu einer Tour de Force der olfaktorischen Überbietung .


Basel : Belle Haleine - Der Duft der Kunst


  
links: Sissel Tolaas · The FEAR of Smell - The Smell of FEAR, 2006 bis heute, Installationsaufnahme im ­Museum Tinguely, Basel ©ProLitteris. Foto: Peter Schnetz
rechts: Carsten Höller mit François Roche · Hypothèse de grue, 2013, Metallstruktur, Stoff, Epoxidharz, Polystyrol, PVC, Polyurethanschaum, Rauchmaschine, Zeitschaltuhr und verschiedene Substanzen, 500 (L)x95 (Basis)x260 (B)x230 (H) cm ©ProLitteris, Zürich; Courtesy Air de Paris. Foto: Marc Domage


Die Kunst hat die fünf Sinne ab dem 16. Jh. visuell zu evozieren versucht. Jahrhunderte später führten die Futuristen den Geruch rhetorisch als Werkstoff in die Kunst ein. Doch erst Marcel Duchamp begann mit Arbeiten wie ‹Belle Haleine: Eau de Voilette› 1921 mit Synästhetik zu experimentieren. Piero Manzonis pneumatische Skulpturen und die ‹Merda d'arista›, 1961, markieren später den erweiterten Kunstbegriff. Seither haben Duft und Gestank vielfältige künstlerische Ausdrucksformen gefunden. Martial Raysse liess für die ‹Edition Démocratie. Eau de Toilette (pour Homme)›, 1970, männlichen Schweiss als «demokratischen Duft» produzieren. Die Norwegerin Sissel Tolaas malte für ‹The FEAR of smell, the smell of FEAR›, ab 2006, Angstschweiss an die Wände. Verführerischer sind der Eukalyptusdampf von Bill Violas ‹Il Vapore›, 1975, als sensorische Erfahrung von Unsichtbarem, oder Valeska Soares' Metallstele ‹Fainting Couch›, 2002, mit Lilienblättern. Die zarten Düfte können jedoch neben Ernesto Netos Environment ‹Mentre niente accade›, 2008, mit Nelkengeruch nicht bestehen. Die Nasenverwirrung erreicht vor Jenny Marketous Videoarbeit den Höhepunkt, da hier viele Gerüche ungewollt zusammenfinden. In ‹Smell you, smell me›, 1998, sprechen zehn Leute über ihre Erfahrungen. Eine Allergikerin beschreibt akkurat die Panik, die sie bei synthetischen Gerüchen befällt, was die eigene Geruchserinnerung weit mehr stimuliert als viele direkte Nasenreize.
Dass die Akkumulation von sich konkurrierenden Geruchsimpressionen schnell spektakelhaft wirkt, verdeutlichen die Arbeiten im Untergeschoss. Hier spuckt die drachenförmige Skulptur von Carsten Höller und François Roche, ‹Hypothèse de grue›, 2013, geruchlosen Nebel mit gehirnmanipulierenden Substanzen aus. Sissel Tolaas hat, die Tradition des Duftkinos aufnehmend, für Jean Tinguelys Film ‹Study for an End of the World Nr. 2›, 1962, sieben Duftkarten entworfen. Bei Cildo Meireles' ‹Volatile›, 1980/1994, geht man barfuss auf Talkpulver, während einem Schwefelgeruch von verbranntem Erdgas in die Nase steigt. Die im Ausstellungstext evozierte Assoziation zu Gaskammern kommt im olfaktorischen Marathon schwerlich auf. Für eine Duftausstellung reichen die klassischen Kriterien wie Chronologie und kunsthistorische Epochen nicht aus. Olfaktorische Kunst verlangt eine feine kuratorische Nase. Zudem ist analytische Arbeit bei der Auswahl gefragt, will man Geruch als bisher kaum beachtete ästhetische Kategorie tatsächlich erforschen.

Bis: 17.05.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Belle Haleine [11.02.15-17.05.15]
Video Video
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
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