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Besprechung
4.2015


Markus Stegmann :  In ihrer bislang aufwendigsten Ausstellung widmet die Fonda­tion Beyeler Paul Gauguin eine glanzvolle Hommage. Bis auf Weiteres wird es wohl kaum möglich sein, Gauguin in dieser Qualität erneut zu sehen. Wo verläuft in den Bildern der Grat zwischen Authentizität und der Konstruktion künstlerischer Vision?


Basel/Riehen : Paul Gauguin - Die Konstruktion eines verlorenen Paradieses


  
links: Paul Gauguin · ‹Nafea faaipoipo›, Wann heiratest Du? 1892, Öl auf Leinwand, 105x77,5 cm, Sammlung Rudolf Staechelin. Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler
rechts: Paul Gauguin · ‹Aha oe feii? ›, Wie! Du bist eifersüchtig? 1892, Öl auf Leinwand, 66x89 cm, Staatliches Museum für Bildende Künste A.S. Puschkin, Moskau


Wenige Tage vor der Vernissage wurde die berühmte ‹Nafea›, 1892, bislang als Dauerleihgabe der Sammlung Rudolf Staechelin im Kunstmuseum Basel, für einen Rekordpreis veräussert. Ein Betrag von 300 Mio. wird genannt, als Käufer das Königshaus von Katar. Damit wäre ‹Nafea› das bislang am teuersten veräusserte Kunstwerk weltweit. Ein ungeplanter Superlativ mehr in der langen Reihe der Ausrufezeichen, die diese bemerkenswerte Ausstellung begleiten, souverän kuratiert von Martin Schwander und Raphaël Bouvier. Die Versicherungssumme beträgt unvorstellbare 2,5 Mrd., die Vorbereitungszeit sechs Jahre. Rund 150 Mitarbeitende der Fondation waren am Projekt beteiligt, die Werke reisten 160'000 km um die Welt, um in Riehen zu landen.
Trotz allem Aufwand geht es nicht um Zahlen, sondern um Kunst, genauer um die Frage, was die revolutionären Findungen Gauguins bedeuten. Und wie ist das mit den Klischees von Südsee und Sehnsucht, die dem Künstler bis heute anhaften und gelegentlich sogar die sachliche Rezeption zu unterlaufen drohen?
43 Bilder und acht Skulpturen aus allen Gegenden der Welt vermitteln einen so umfassenden wie beglückenden Einblick auf denkbar höchstem Niveau in das Werk eines radikalen Erneuerers der Moderne, der als Person als eigensinnig, kantig, unberechenbar beschrieben wird. Auch wer glaubt, das Werk Gauguins längst zu kennen - und wer glaubt es nicht -, wird durch die Dichte herausragender Bilder zu vertieften Eindrücken gelangen. Das Nebeneinander von Arbeiten höchster Qualität bietet die seltene Möglichkeit, im vergleichenden Betrachten den Geheimnissen der Befreiung der Farbe vom Naturvorbild auf die Spur zu kommen. Nicht weniger springt der erstaunliche Abstraktionsgrad der Figuren ins Auge. Die Gesichter der jungen Frauen wirken nicht nur seltsam verschlossen, entindividualisiert und austauschbar, sondern auch von einer Traurigkeit erfasst, die sich eher als Maske denn als emo­tionaler Ausdruck in den Gesichtszügen abzeichnet.
Der maskenhaften Unnahbarkeit entsprechen abstrahierte Körper, wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton modelliert. Zu dieser bemerkenswerten Statik trägt die statuettenhafte Körperhaltung der Personen bei. Wie figurative Stillleben wurzeln sie, oft zu Kleingruppen von zwei oder drei Individuen komponiert, in den farblich übersteigerten Gründen der Südseelandschaft. Die eingefrorene Statik in Kombination mit der stilllebenartig arrangierten Komposition vermittelt den Eindruck von Szenen auf einer Bühne.
Als Gauguin 1891 erstmals Tahiti erreichte, war er tief enttäuscht, dass sein sehnsuchtsvoll erwartetes Paradies durch die Einwirkungen von Kolonialismus und Christianisierung schwer gelitten hatte. Die erhoffte Ursprünglichkeit von Leben und Kult der einheimischen Bevölkerung war offensichtlich kaum mehr auffindbar. Doch wie reagierte Gauguin in diesem Moment schmerzlicher Desillusionierung?
Seine Aktualität bis heute zeigt sich darin, dass er seine Sehnsucht angesichts der Wirklichkeit nicht etwa korrigierte, sondern ihr im Gegenteil freien Lauf liess, um sein Paradies schlicht und einfach neu zu bauen. Gauguins Südseebilder sind nichts anderes als Konstrukte künstlerischer Imaginationskraft. Authentisch ist nicht das Leben, das Gauguin vorfand, sondern die magische Energie seiner Sehnsucht. Glücklicherweise erzählen die Bilder nicht vom «echten» Leben auf Tahiti im ausgehenden 19. Jahrhundert, sondern von der unbändigen Sehnsucht eines Künstlers. Bis heute entspricht die Sehnsucht nach dem Paradies einem elementaren Bedürfnis, mehr noch, sie ist ein existentieller Antrieb, mit dem sich nicht zuletzt auch die Hoffnung auf Erlösung verbindet. Nicht notwendig in einem religiösen, vielmehr in einem existentiellen Sinn.
Durch den bedingungslosen Eigensinn des Künstlers und ehemaligen Börsenmaklers Gauguin manifestierte sich in seinem künstlerischen Tun die Moderne. Dass die Farbigkeit der Bilder vom Naturvorbild markant abweicht und sich zur Trägerin emotionaler Befindlichkeit wandelt, ist nur eine der formalen Neuerungen. Hätte Gauguin naturalistische Farben gewählt, wären seine Bilder in Paris wesentlich besser zu verkaufen gewesen, was sein erklärtes Ziel war.
Als Verkäufer ist er grandios gescheitert, als Künstler hat er grossartig reüssiert, wenn auch erst nach seinem Tod 1903. Gauguin vermittelte Kunstschaffenden der unmittelbar folgenden Epoche entscheidende Impulse, ob Picasso, Matisse, Nolde, Kirchner, Pechstein, Marc oder Kandinsky. In ihren Werken ist die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies ebenso präsent wie in Arbeiten zeitgenössischer Kunst, z.B. in der Malerei von Peter Doig oder David Schnell oder in den Installationen von Gerda Steiner/Jörg Lenzlinger oder Pipilotti Rist, um nur einige Beispiele zu erwähnen. Jede Generation «erfindet» ihr Paradies wieder neu. Paradoxerweise entstehen Paradiesvorstellungen in der Kunst nicht durch Wiedergabe von Realität, sondern durch künstlerische Kompromisslosigkeit und Erfindungskraft.

Bis: 28.06.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Paul Gauguin [08.02.15-28.06.15]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Paul Gauguin
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