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Besprechung
4.2015


Miriam Wiesel :  «Bezahlt oder unbezahlt, materiell oder immateriell, traditionsreich oder gänzlich neu» - 90 Kurzfilme aus 15 verschiedenen Städten zeigen die erstaunliche Vielfalt von Arbeit heute. Ein Projekt von Antje Ehmann und Harun Farocki mit Videokünstler/innen weltweit.


Berlin : Antje Ehmann und Harun Farocki - Eine Einstellung zur Arbeit


  
links: Antje Ehmann und Harun Farocki · Eine Einstellung zur Arbeit, Bewegung im Kreis, Rio de Janeiro 2012, Filmstill ©Cristián Silva-Avária
rechts: Antje Ehmann und Harun Farocki · Eine Einstellung zur Arbeit, Naturkundemuseum, Lodz 2013, Filmstill ©Magda Kulak


Als Inspirator ist der im letzten Jahr verstorbene Künstler und Filmemacher Harun Farocki überall spürbar. Eine formale Strenge durchzieht die im HKW gezeigten Werke und tut ihnen gut. Vorbereitet von Farocki und der Künstlerin Antje Ehmann, greift die Ausstellung Farockis am ersten Film der Brüder Lumière entzündetes Interesse an ‹Arbeiter verlassen die Lumière-Werke›, 1895, auf und dekliniert es neu: eine Einstellung von etwa 45 Sekunden; das Tor, durch das die Arbeiter die Fabrik verlassen, lässt sie als Klasse in Erscheinung treten. Arbeit als solche sieht man nicht. 120 Jahre später hat sich Arbeit durch Flexibilisierung und Individualisierung entsynchronisiert und fragmentiert, ein Klassenbewusstsein der Arbeiterschaft gibt es nicht mehr. Arbeit sichtbar zu machen in einer einzigen Einstellung von maximal zwei Minuten, war die Vorgabe, der sich Videokünstler/innen in Workshops mit Ehmann/Farocki weltweit stellten. Herausgekommen sind 400 filmische Miniaturen, von denen eine Auswahl von 90 Arbeiten jetzt im HKW zu sehen ist.
Ein Schwenk hier, ein Travelling da, ein blosses Agieren vor einer statischen Kamera. Storytelling mit Subtext, so reich, wie ein bewegtes Bild sein kann, und doch reduziert - auf das Spiel der Hände, den konzentrierten Blick, die routinierte Wiederholung. Wie der jüdische Bäcker in einem mit Papier ausgekleideten Raum Mehl und Wasser zu einem koscheren Brot formt, der Fahrradkurier sich elegant durch den Verkehr schlängelt, Politiker-Doubles auf dem Roten Platz in Moskau für ein Foto posieren. Auch eine Sexarbeiterin kommt zu Wort und erläutert, wie man einen Blowjob am Telefon glaubhaft macht. Anzusehen auf der Website des Projekts, wo auch die nicht in der Ausstellung enthaltenen Filme abrufbar sind.
Mit welcher Arbeit Menschen ihre Zeit verbringen, ist manchmal bewegend, manchmal traurig. Doch was bleibt, wenn sie diese Arbeit nicht mehr haben? Hannah Arendt beschreibt in ‹Vita activa›, wie sich der Wert der Arbeit verändert: anfangs nur etwas für Sklaven, später entscheidend für die Stellung in der Gesellschaft, heute in der zunehmenden Kapitalisierung aller Lebensbereiche als Erwerbsarbeit unabdingbar, und trotzdem im Rückzug begriffen. Ein weiterer Strukturwandel steht vor der Tür: Diesmal wird es die Dienstleistungen erfassen. Die Momentaufnahme, die Ehmann/Farocki gelungen ist, dokumentiert die aktuelle Vielfalt der Arbeitsprozesse. Vielleicht schauen wir in einigen Jahren mit Wehmut darauf zurück?

Bis: 06.04.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Antje Ehmann, Harun Farocki [26.02.15-06.04.15]
Institutionen Haus der Kulturen der Welt [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Antje Ehmann
Künstler/in Harun Farocki
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