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Besprechung
4.2015


Isabelle Fehlmann :  Wie sich der in greifbarer Nähe wütende Zweite Weltkrieg auf das grenznahe Kunstschaffen auswirkte, steht im Zentrum der Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau. Die Schau zeigt eindrückliche Stimmungsbilder, die losgelöst vom historischen Kontext auch heute noch aktuell sind.


Warth : Der Himmel brennt - Kunst im Bann des 2. Weltkriegs


  
links: Adolf Dietrich · Abend am See, 1939, Öl auf Malkarton ©Pro Litteris
rechts: Jakob Greuter · Deutscher Flugplatz in der Cyrenaika, aus der Serie ‹Der Zweite Weltkrieg›, undatiert, Bleistift, Farbstift und Aquarell auf Papier


Zwischen einem düster verhangenen Himmel und dem dunkeln Untersee öffnet sich am Horizont des Bildes ‹Abend am See›, 1939, von Adolf Dietrich (1877-1957) ein glühendes Gelb, als würden tatsächlich Flammen die Ferne erleuchten. Als Inspiration für den Ausstellungstitel ‹Der Himmel brennt am Horizont› bildet das Gemälde zugleich den dramaturgischen Auftakt im Kunstmuseum Thurgau. Ob es sich dabei lediglich um eine eindrucksvolle Abendstimmung handelt oder ob die herannahende Katastrophe des Zweiten Weltkriegs Dietrich zu dem Motiv bewegte, lässt sich nicht abschliessend ausmachen. Gerade deshalb steht das Werk exemplarisch für das von Markus Landert kuratierte Stimmungsbild des künstlerischen Schaffens in der Ostschweiz im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Die Arbeiten sind thematisch gruppiert - etwa ‹Rütlirapport›, ‹Anbauschlacht› oder ‹Endlösung der Judenfrage› - und durch einführende Wandtexte ergänzt. Eine Serie Zeichnungen von Robert Wehrlin (1903-1964) im ersten Raum geht über derbe Karikaturen mit dem Naziregime ins Gericht. Demgegenüber konzentrierte sich Carl Roesch (1884-1979) in den Kriegsjahren mit Bauerndarstellungen bewusst auf Motive des alltäglichen Lebens in seiner nächsten Umgebung. Wie eine rote Linie führt überdies die vielteilige Serie ‹Der Zweite Weltkrieg› von Jakob Greuter (1890-1984) durch die Ausstellung; der Autodidakt eignete sich seine eigene Vision vom Krieg zeichnerisch an, durch das Abmalen von Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften wie dem Propagandamagazin ‹Signal› der deutschen Wehrmacht. Am Ende trifft man erneut auf ein Bild von Adolf Dietrich: eine Gartenidylle mit gehisster Schweizerfahne. «Es ist nochmals gut gegangen» ist daneben abschliessend im Begleittext zu lesen - durchaus ironisch zu verstehen.
Die in den Räumen der ehemaligen Klosteranlage Karthause Ittingen gezeigte Kunst entstand in ­einer vom Zweiten Weltkrieg nur indirekt betroffenen Region. Genau diese Tatsache schafft einen eindrücklichen Bezug zur Gegenwart. Die Wahrnehmung des durch die Presse vermittelten Kriegs, die Dokumentation seiner Auswirkungen oder der Ausdruck einer persönlichen Stellungnahme waren damals aktuelle Themen und sind es heute noch. Die Ausstellung gibt einen nachhaltigen Eindruck von künstlerischen Reaktionen auf die Ereignisse des Kriegs und zeigt darüber hinaus, wie Kunst losgelöst vom Kontext historischer Begebenheiten zur Reflexion anregen kann.

Bis: 30.08.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Kunst i.d. Ostschweiz im Banne des 2. Weltkrieges [17.01.15-30.08.15]
Institutionen Kunstmuseum Thurgau [Warth/Schweiz]
Autor/in Isabelle Fehlmann
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