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Besprechung
4.2015


Brita Polzer :  In seiner Reihe kulturvergleichender Ausstellungen zeigt das Zürcher Rietbergmuseum eine unglaubliche Schau zu Kosmosvorstellungen und Schöpfungsmythen. Anhand von 17 verschiedenen Kulturen weltweit wird umfassend vor Augen geführt, wie sich Menschen mit dem Universum auseinandersetz(t)en.


: Kosmos - Weltentwürfe im Vergleich


  
Kosmischer Mensch (Iokapurusha), Indien, 1884, Pigmente auf Stoff, 230x140 cm, CourtesyLinden-Museum Stuttgart. Foto: A. Dreyer


Mehr als die Hälfte aller Menschen lebt heute in Städten. Und schaut die eine oder der andere von ihnen nachts zum Himmel empor, so ist dort kaum mehr als den Widerschein des urbanen Geglitzers zu entdecken. Früher dagegen gaben die Gestirne den Takt für das Dasein vor und ihre Deutungen prägten die Geschicke der Menschen. Diese Bezogenheit auf den Kosmos und die unerklärlichen Bahnen seiner Gestirne versucht die Ausstellung im ersten Raum mit einem von Lichterscheinungen durchhuschten «Wunderraum» ein wenig kitschig einzufangen - dann steht man vor dem ersten von 180 gezeigten Werken aus 17 Kulturen, vor einem ‹Kosmischen Menschen›. Wäre er nicht so gross, könnte die Bildtafel ein Spielbrett sein, auf dem man würfelnd und Klötzchen verschiebend ans Ziel gelangt. Tatsächlich gibt der Jainismus - eine etwa zeitgleich mit dem Buddhismus im 6./5. Jahrhundert v. Chr. in Indien entstandene Lehre - ein Ziel vor: das Ausbrechen aus dem Zyklus der Wiedergeburten. Wie man allerdings dahin gelangt, wie man dem leidvollen Immer-wieder-Lebenmüssen entrinnt und die ganz oben dargestellte, die Erlösung symbolisierende Barke erreicht, bleibt - zumindest uns Nichteingeweihten - verschlossen. Der Jainismus geht, wie nicht ­wenige Kulturen, vom Modell der drei Welten aus. Oben ist der ein wenig eintönig mit immer gleichen Tempelchen bestückte Himmel zu sehen, unten die Hölle, die - wie wir es aus dem Christentum kennen - um einiges lebendiger, wenn auch nicht unbedingt verlockender wirkt. Dazwischen, an der schmalsten Stelle des geometrischen Gebildes, liegt die Mittlere Welt, in deren Zentrum sich - wohl im Nabel - der Berg Meru befindet, der einzige von Menschen bewohnte Ort.
Kennt der Jainismus keinen Schöpfergott für seinen Kosmos, so haben andere Kulturen diesbezüglich höchst eindrückliche Mythen entwickelt. Der polynesische Gott Ta'aroa bspw. schuf die Welt, indem er «die Schalenkuppel» anhob, um sich aus allumfassender Dunkelheit zu befreien, woraufhin Raum und Licht entstanden, die nun von Menschen bevölkert werden. «Sie müssen viel lernen in der Ausstellung», teilte der Direktor des Museums, Albert Lutz, anlässlich der Presseeröffnung mit. Und fürwahr, das Wissen und die Vielfalt der Objekte, die hier mithilfe diverser Kurator/innen und Autor/innen eingebracht wurden, ist immens. Gut, kann man mehrere Nachmittage im Rietberg verbringen. Mit Publikation und Rahmenprogramm, das von Gesprächsveranstaltungen bis zu einer Filmreihe im Filmpodium reicht.

Bis: 31.05.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Kosmos - Rätsel der Menschheit [12.12.14-31.05.15]
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
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