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Besprechung
4.2015


 In der Kunsthalle ist eine Zeitenwende angebrochen: Der neue Direktor Daniel Baumann eröffnet in seinem Haus gleich vier Ausstellungen auf einen Schlag. Die gezeigten Kunstwerke erschliessen sich erst allmählich. Man muss sich die Zeit nehmen - dies sind schöne Vorboten für die künftige Arbeitsweise


Zürich : Ra. Haerizadeh, Ro. Haerizadeh und H. Rahmanian - Täuschungen


  
Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian · Joyous Treatise, 2011-14, Collage, Tusche und Acryl auf Papier, 76x56 cm, Courtesy Gallery Isabelle van den Eynde


Auf der dritten Etage des Areals zeigte die Kunsthalle an der Vernissage einen Film des Künstlers Terayama Shuji. Darin sah man wiederkehrend ein Zicklein, das ausgesetzt wurde und nun verstört und schutzlos auf einer Kieshalde herumschlittert. Ein starkes Bild, das auf die Schwierigkeit abzielt, den Gang der Welt zu begreifen. Der Film gehört zur Ausstellung ‹Theater der Überforderung›, das die Regisseurin Barbara Weber zum Werk des hierzulande kaum bekannten Avantgardekünstlers entwickelt.
Auf das anarchische, ja apokalyptische Denken Shujis antworten Ramin Haeri­zadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian in der unteren Etage ebenso überfordernd, doch mit Dada-naher Inszenierung. Über hundert Gegenstände sind zu sehen, individuelle Arbeiten, Gemeinschaftswerke, auch mit anderen Künstlern, sowie Objekte aus der eigenen Sammlung iranischer Künstler der Moderne, denen sie sich nahe fühlen. Additiv fügen sich die Zeichnungen, Collagen und Objekte in ein dichtes, übermütiges Gesamtkunstwerk, das von Zufall und Gelegenheit regiert scheint.
Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Alles ist mit akribischer Sorgfalt durchkomponiert, und je länger man sich darin vertieft, desto stärker treten individuelle Handschriften hervor. Rokni Haerizadeh beispielsweise druckt rhythmische Sequenzen aus Amateurfilmen aus dem Internet, etwa Konfrontationen der Feministinnen Femen mit der Polizei oder die Hochzeit Prince Williams mit Duchess Kate, und bemalt die Protagonisten dann sorgfältig mit Schafsköpfen und Fischschwänzen in monsterartige Wesen. Diese Blätter montiert er auch zu Stop-Motion-Filmen, in denen die Rituale, Kämpfe und Katastrophen plötzlich unverständlich werden.
Die drei Künstler leben seit acht Jahren in einem Haus in Dubai, einem selbst erschaffenen Künstlertreffpunkt und Fluchtort der Ordnung und Arbeit, das laut Rahmadian jeden Morgen um punkt 4.30 Uhr beginnt und 14 Stunden lang andauert. Diese Lebensweise ist die charakteristische Art des inneren Exils iranischer Intellektueller. Ebenso stellen die drei Künstler ihren Stil explizit in die Tradition des iranisch geprägten Surrealismus. Dieser stellt nicht Fundstücke des Unbewussten dar, sondern ist eine neue Form des Realismus, der die Zerstörung der Wirklichkeit spiegelt. Die Wirklichkeit ist so voller Täuschungen, dass nicht mehr zu unterscheiden ist, ob die Masken nun die Wahrheit oder die Lüge verbergen.

Bis: 17.05.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Rokni Haerizadeh, Ramin Haerizadeh, Flavio Merlo, Hesam Rahmanian, Ben Rosenthal, Hannah Weiner [21.02.15-17.05.15]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Künstler/in Ramin Haerizadeh
Künstler/in Rokni Haerizadeh
Künstler/in Hesam Rahmanian
Künstler/in Hannah Weiner
Künstler/in Flavio Merlo
Künstler/in Ben Rosenthal
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