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Besprechung
4.2015


Fritz Balthaus :  Die Laufbahn des in Basel geborenen Künstlers war so international, wie seine Bewegungen auf Bühnen, Bildern und Leinwänden interdisziplinär. Er hinterliess bleibende Spuren in ­Weimar, Dessau, Berlin, Mailand, South Carolina und New York. Eine überfällige Retrospektive ist nun im Migros Museum zu sehen.


Zürich : Xanti Schawinsky - Vom Raum zur Fläche zum Punkt


  
links: Xanti Schawinsky · Untitled, undated, ca. 1936, Schwarzweissfotografie, 19x24,3 cm, Courtesy Xanti Schawinsky Estate Zürich
rechts: Xanti Schawinsky · Transition, 1960, Öl auf Leinwand, 203,4x381,4x5,3 cm, Courtesy Xanti Schawinsky Estate Zürich. Foto: Daniel Schawinsky


Als transdisziplinäres Multitalent durchquerte Xanti Schawinsky (*1904, Basel) studierend und lehrend die Kurse des gesamten Curriculums am Weimarer Bauhaus. Er tanzte, spielte Saxophon und war Chef der Bauhauskapelle. Zu den ­Theaterstücken entwarf er Requisiten und Kostüme, schuf menschenbewegte Bühnenbilder, malte, zeichnete, fotografierte. Schawinsky schien die hochgespannte «Unruh» am unbewegten Bild ohne Zeit zu sein. In der Gesellschaft von Kandinsky, Klee, Moholy Nagy, Albers und Schlemmer, dessen Assistent er zeitweise war, erfährt er zwar Unterstützung und Anregung, aber auch Skepsis. Wie viele dieser Weggefährten zwang ihn die Schliessung des Dessauer Bauhauses zunächst nach Berlin, später in die amerikanische Emigration nach North Carolina, wohin Walter Gropius ihn einlud, die Bühnenklasse am legendären Black Mountain College zu übernehmen. Sein anschliessender Wechsel ans New Bauhaus in Chicago scheiterte an dessen baldigem Bankrott und führte ihn nach New York, wo er sich mit Künstlern wie Duchamp, Pollock, Calder, Leger, Gabo, Kline, de Kooning austauschte und befreundete.
Die Retrospektive im Migros Museum zeigt das fünfzigjährige Schaffen Schawinskys in vier Etappen. Der Weg beginnt mit seiner Zeit am Bauhaus, zeigt die Theaterarbeit am Black Mountain College, seine Zeit in New York und endet furios im Raum für seine prozessuale Malerei aus der Nachkriegszeit. Von Kandinskys Bauhauslehre und dem «Geistigen» in der Kunst grenzte sich Schawinsky 1969 mit seinem Essay ‹Über das Physische in der Malerei› ab. Seiner Auffassung nach ging es nicht mehr um den Gegensatz von «geometrisch» und «organisch», vielmehr sei die Manipulation von Werkzeugen die Quelle eines neuen Ausdrucks. Gemeint waren beidhändiger Pinsel- und Sprühdosengebrauch, die simultane Bearbeitung der Leinwände mit Farbwalzen und Schablonen und das Malen mit lichtempfindlichen Untergründen. Anstelle des Pinsel kamen Blätter, Zweige, Gräser zum Einsatz. Schawinsky bewegte sich nun weniger von «Punkt und Linie zur Fläche», sondern kam umgekehrt über den interdisziplinären Raum zur Fläche, zur Linie, zum Punkt. Wenn er 1956 mit Druckstöcken und Schuhen über die Leinwände tanzte und mit eingefärbten Autoreifen darüberfuhr, dann wurden Spuren neuer Funktionssysteme in ‹Trackpaintings› von 1960 wirksam und die Herstellungsprozesse waren so wichtig wie die Bilder selbst. Durch seine «Befeuerungen» von Malgründen entstanden 1964 ‹smokepaintings›. Malerei und (Russ)Pigmentherstellung im simultanen Kurzschluss vereint.

Bis: 17.05.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Xanti Schawinsky [21.02.15-17.05.15]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Fritz Balthaus
Künstler/in Xanti Schawinsky
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