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Besprechung
4.2015


Gabriel Flückiger :  Das Aargauer Kunsthaus zeigt im Rahmen von ‹Caravan› eine kleine Film-Trilogie des in Berlin und Zürich lebenden Künstlers Bertold Stallmach. Die Werke des ‹Dreisatzes der Identität› ­thematisieren Fragen zu Gesellschaft und (künstlerischem) Individuum, lassen aber atmosphärische Dichte vermissen.


Aarau : Bertold Stallmach - Parabel aus Draht und Modelliermasse


  
Bertold Stallmach (mit Nina Fischer und Maroan el Sani) · Die Identität einer Gesellschaft, 2014, Filmstill, Animationsfilm, 13'


Iso und Jenga zogen aus, um ein besseres Leben zu finden. Die beiden Figuren aus Bertold Stallmachs (*1984) aktuellem Animationsfilm ‹Die Identität der Gesellschaft› verkörpern jugendlichen Aufbruch ins Ungewisse und Flucht aus einer als starr und rational empfundenen Umgebung. Doch der Stop-Motion-Film ist weniger abenteuerliches Roadmovie als parabelhafte Erzählung. Denn die beiden aus Draht und Modelliermasse erstellten Protagonisten sind Bestandteil einer filmischen Reflexion über unterschiedliche gesellschaftliche Systeme und deren spezifische Machtkonstellationen. Was überbordend und verkopft tönt, kommt bei Stallmach im leichtfüssigen und lieblichen Gewand des Selbstgebastelten daher. Allein schon das feine Ruckeln der Stop-Motion-Ästhetik gibt den Figuren eine grundsätzlich heitere Wirkkraft. Die Geschichte - immer wieder von Einblendungen eines sich verändernden, metaphorischen Sandkegels unterbrochen - bleibt durchwegs humorvoll. Auch dann, wenn den Nestflüchtigen von zwei Böslingen aus ‹Despotien› im wüstenhaften Nowhere das Auto entwendet wird und sie sich zur Rückkehr gezwungen sehen oder wenn zwei Asylsuchenden, ebenfalls aus dem Land der despotischen Machenschaften, im bürokratischen Elizien - Isos und Jengas Herkunftsland - das Aufenthaltsrecht verwehrt wird. Als Clou der Geschichte begegnen sich die Figuren später in einem verwahrlosten Schloss in einer hierarchielosen Mini-Gesellschaft wieder.
Die beiden weiteren Teile der Trilogie nehmen sich nicht minder komplexer Themen an. Im zweiten Teil illustrieren abstrahierte Tonfiguren ein psychologisches Experiment über Intro- und Extrovertiertheit, im dritten hinterfragen zwei Charaktere Kunst als eine grammatikalische, erlernbare Fähigkeit und persiflieren typische Sprechweisen über Kunst und Künstlerbilder. Die Dialoge der Animationen in Mixtur mit Gesellschaftstheorie überzeugen. Dennoch gelingt es besonders im ersten Teil nicht, atmosphärische Dichte zu erzeugen. Auf der akustischen Ebene wirkt einschränkend, dass die Texte alle von derselben Person gesprochen und kaum mit weiterem Sound untermalt werden. Visuell liegt es daran, dass differenzierende Mimik fehlt und die Figuren deshalb mit der Zeit schablonenhaft wirken. Das Potenzial animierter Weltkonstruktion könnte besser ausgeschöpft werden.

Bis: 12.04.2015



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Ausgabe 4  2015
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Bertold Stallmach
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