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4.2015




Genève : Ernie Gehr


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Ernie Gehr · Picture Taken, 2010, Digitales Drei-Kanal-Video, 9½', Standbild einer Teilansicht
rechts: Ernie Gehr · Brooklyn Series, 2013, Digitales Video, 8', Still


Ernie Gehr (*1941, Milwaukee) flüchtete kurz nach seiner Ankunft in New York 1965 einmal vor dem Regen in ein Kino, in dem zufällig ein dem Avantgarderegisseur Brakhage gewidmetes Programm lief. Schon als Kind war er jeweils derart bezaubert, wenn es im Kino nur zu rattern und zu knistern begann und sich eine eigene Welt aus Licht, Bewegung und Ton auftat, dass er für die Plots gar nicht mehr viel übrig hatte. Die Erfahrung, dass die Auslotung der filmischen Grundkomponenten bereits zu Kunst gerinnen kann, und die Erinnerung an jene verregneten Stunden sollten ihn nie mehr loslassen. Fast über Nacht schwang sich der Autodidakt zu einer zentralen Figur des eben gerade von der Concept und Minimal Art angeregten strukturellen Films auf. Mit den radikalen Kurzfilmen ‹History› und ‹Serene Velocity›, 1970, schrieb er Filmgeschichte. Zeigt ‹History›, ohne Linse durch ein Tuch aufgenommen, nur noch ein träges Wetterleuchten in einem feinem Raster, verwandelt ‹Serene ­Velocity› die Aufnahmen in die Raumflucht eines aseptischen Korridors durch blinkendes Licht und verschiedene Blickpunkte in ein pulsierendes Organ.
Der Kurator Andrea Bellini widmet Gehr nun im Centre d'art contemporain erstmals eine museale Soloschau. Statt zurückzublicken, hat er zwölf teils noch nie gezeigte Arbeiten versammelt, in denen Gehr mit der gleichen Behutsamkeit die durch die Digitalisierung gänzlich neuen Parameter des laufenden Bildes erkundet. Das für den Anfang der Schau konzipierte Werk ‹Bon Voyage›, 2014, suggeriert, dass wir uns in einem noch drastischeren Modernisierungsschub befinden als um 1900, als mit der Maschine auch das Kino aufkam. So führt Found Footage - gespiegelt und zu einem Panorama vervielfacht - aus einem frühen Stummfilm vor, wie ein Ozeandampfer vor den dunklen Silhouetten winkender Menschen aus dem kranbestandenen Hafen von New York ausläuft. Die weiteren Filme, die Gehr heute aufgenommen hat, zeigen etwa vor die Kamera geratene Leute, die selbst filmen, oder auch Aufnahmen, die wie aus Überwachungskameras im Kreis gefilmt sind. Durch die aktuelle digitale Entwicklung ist das bewegte Bild omnipräsent geworden. Vor allem aber macht Gehr immer wieder mit ineinander verschachtelten oder einander überblendenden sowie manchmal auch zeitlich leicht gestaffelten Bildern darauf aufmerksam, dass der Film kein Abbild der Wirklichkeit ist, sondern ein geistiger Austausch zwischen Hersteller/in und Publikum. Die abstrakte Arbeit ‹Brooklyn Series›, 2013, wirft uns am Schluss der Schau sogar ganz auf unsere eigenen Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte zurück. Nicht mehr aufzulösen in Bezug auf Sujet und Montage, wirkt es wie ein zum Laufen, Schwingen und Rauschen gebrachtes Streifenbild Richters.

Bis: 26.04.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Ernie Gehr, Raphael Hefti [30.01.15-26.04.15]
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Ernie Gehr
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