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4.2015




Lenzburg : Geld


von: Thomas Schlup

  
links: Geld-Bad in vier Millionen Fünfräpplern, 2015, Courtesy Stapferhaus. Foto: Anita Affentranger
rechts: Geld. Jenseits von gut und böse, 2015, Courtesy Stapferhaus. Foto: Anita Affentranger


Irgendwo haben wir sie, unsere Glücksmünze. Ein Talisman, ein «Bhalti», eine Erinnerung an Ferien; ein rundes Stück Kupfer, das uns selbst zu Hause begleitet, ein «Malta-Cent» aus dem Jahr 1972 mit dem Georgskreuz beispielsweise. Wird es dereinst auch in der digitalen Welt ein solches Souvenir geben, einen nicht gelöschten QR-Code in unserer persönlichen Cloud? Bevor solche Überlegungen gemacht werden können, geht es erst einmal an die frische Luft. Die Schau im Zeughaus beginnt mit einem Anstieg auf der Aussentreppe zum etwas unterkühlten, weissen, luftigen Jenseits mit Sphärenmusik, Einflüsterungen, Goldeseln und Geldströmen aus Vulkanen, die alle umso kleiner werden, je näher man der Pforte des Diesseits kommt. Dort lädt ein Podium von sechs Herren aus verschiedenen Jahrhunderten zu einem philosophischen Diskurs, bevor sich die dunklen Gänge des Geldes öffnen, die tief in den Bauch des Gebäudes unter gotische Spitzbögen führen. Und hier, präzise unter der Vierung platziert, befindet sich ein kreisrundes Taufbecken, auf dessen Füllung aus geshreddertem Papiergeld die neuen Schweizer Banknoten schwimmen. Die Querschiffe sind thematisch aufgeteilt; wer will, kann vor dem BIP-Altar auf die Knie fallen, um den Wirtschaftsnachrichten zu lauschen. Denselben Wirtschaftsnachrichten, die unsere Gesellschaft dominieren, zu der Geld die Eintrittskarte ist. Wer keines hat, bleibt draussen, weil nicht unter die Leute geht, wer nicht zahlen kann. Aber wer dem Geld alles unterordnet, wird von ihm eingeholt werden: «Wer alles für Geld macht, wird eines Tages für Geld alles machen», bringt es ein sizilianisches Sprichwort auf den Punkt. Und eine 93-jährige Aargauerin blickt mit leisem Schalk in die Vergangenheit zurück. 1943 heiratete sie und verwaltete das Haushaltsbudget; der Mann gab den Lohn ab «und hät Sackgäld überchoo». Sie zahle ihre Rechnungen auch heute noch innert zwei Tagen, sagt sie in der Stube ihres Hauses. Es ist das Verdienst der Organisatoren, dass sie das Thema und seine Verästelungen ohne erhobenen Zeigefinger darstellen. Sie tun dies mit allen möglichen Medien; zeigen Kleines in Vitrinen und breiten Grosses auf Wänden aus. Eine «Befragungsstation» macht auf Bildschirmen die Eingaben sichtbar.
Die Ausstellung ist insgesamt stimmig gemacht, wenn auch sehr dicht. Die Besucher/innen erhalten viele Denkanstösse, werden aber als mündig genug angesehen, sich ihre Schlüsse selbst ziehen zu können; müssen ihren Kopf aber bei der Sache haben und für die Treppen auch gut zu Fuss sein. «Schnäll ineluege» geht hier definitiv nicht; verweilen lässt sich nur in der Cafeteria. Auch das an eine Bibel gemahnende und schön gemachte «Handbuch zur Ausstellung» ist mehr als ein blosser Saaltext, sondern lädt zu intensivem Studium ein. Unter den Souvenirs fällt der «Finanzhai» auf - ein Sparfisch, für Glücks- und andere Münzen.

Bis: 20.11.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Geld. Jenseits von Gut und Böse [15.11.14-25.06.16]
Institutionen Zeughaus [Lenzburg/Schweiz]
Autor/in Thomas Schlup
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