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Hinweis
4.2015




München : Common Grounds


von: Roberta, De Righi

  
links: Parastou Forouhar · Zeit der Schmetterlinge, 2015, digitale Zeichnung auf Tapete gedruckt, 159x471 cm. Foto: Nikolaus Steglich
rechts: Ahmed Mater · Human Highway, 2012 Courtesy the artist and Athr Gallery, Jeddah


Diese Sternbilder sind zum Sterben schön. Allerdings tragen die Gestirne in den ‹Constellations› der marokkanischen Künstlerin Bouchra Khalili (*1975, Casablanca) Städte­namen: Gepunktete Linien verbinden Moga­dishu mit Bari, Bamako über Dubai mit Rom, Tunis in weitem Bogen mit Marseille. Sie beschreiben Flüchtlingsrouten in die EU. Das blaue Nichts, aus dem sie leuchten, ist das Mittelmeer - inzwischen ein Todesstreifen zwischen Europa und dem Rest der Welt.
Die poetische Schönheit der Darstellung in Khalilis Arbeit konterkariert und verstärkt die Aussagekraft. Sie ist Teil der sehenswerten Ausstellung ‹Common Grounds›, die Verena Hein für die Münchner Villa Stuck kuratiert hat. Dafür trug sie Filme, Fotografien, Skulpturen und Gemälde von zwölf Künstler/innen bzw. -kollektiven aus dem Nahen und Mittleren Osten zusammen. Bis auf den saudischen Fotografen und Arzt Ahmed Mater leben sie im Exil.
Manche Exponate fussen auf Traditionen der arabischen Kunst, etwa die Spiegelobjekte des Architekten und Kalligraphen Nasser Al Salem, der sich zugleich auf die Minimal Art bezieht. Die bezwingende Macht des Ornaments zeigt Parastou Forouhar (*1962, Teheran). Die in Deutschland lebende gebürtige Iranerin schuf eine Wandarbeit mit Schmetterlingsmuster, dessen Details sich als Mord- und Folter-Szenen entpuppen. Hier ist Ornament, frei nach Loos, wirklich Verbrechen. Die höllisch-dekorative Tapete ist auch Hommage an Forouhars Eltern, die 1998 ermordet wurden.
Von Trauer umweht sind Abbas Akhavans (*1977, Teheran) filigrane Schätze in ‹Study for a Hanging Garden› wie sterbliche Überreste von Menschen auf weissen Tüchern ausgebreitet. Bei den Objekten des in Kanada lebenden Iraners handelt es sich um Bronzeabgüsse von Pflanzen, die zwischen Euphrat und Tigris wuchsen, aber - auch durch den Irak-Krieg - vom Aussterben bedroht sind.
‹Common Grounds› ist der Kommunikationswissenschaft entlehnt und meint den «gemeinsamen Wissensraum», auf dessen Basis Verständigung möglich ist. Der Titel kann als Frage, Behauptung und Forderung verstanden werden. Nur, wer sind hier die Gesprächspartner/innen - wir und die anderen? Die Konturen sind, wie die Biografien der Beteiligten zeigen, verwischt. Jede/r Kunstschaffende agiert als Individuum, nicht als Vertreter eines Landes, sei es westlich geprägt, arabisch oder persisch. Doch selbst wenn «wir» noch im postkolonialen Blick vom Kolonialismus geprägt sind, ist es das einzig Richtige, auf diese Kunst ohne Grenzen zu schauen. Dann ändert sich der Blick irgendwann von selbst.

Bis: 17.05.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Common Grounds [02.03.15-17.05.15]
Institutionen Villa Stuck [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
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