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4.2015




Zürich : Christoph Hänsli


von: Susann Wintsch

  
links: Christoph Hänsli · Verloren, 2013/14, Serie 2, Acryl auf Papier auf MDF, 20,8x29,5 cm
rechts: Christoph Hänsli · Vermisst, 2014/15, Acryl, Öl auf Baumwolle auf MDF, 34,5x26, 5 cm, beide Bilder ©ProLitteris


Christoph Hänsli (*1963) hat eine Wahrnehmung für Zusammenhänge, die uns üblicherweise fehlt. Wer würde schon in rostigen Schrauben wichtige Dinge sehen? Den Künstler aber erinnern sie an Maschinen, Fahrräder, Autos oder Kinderwagen, denen etwas fehlt und die nun möglicherweise funktionsuntüchtig sind. So hebt er während rund zwölf Monaten, in Mailand, Zürich, Berlin oder New York, täglich gebrauchte Schrauben vom Boden auf, Schlüsselstücke unbekannter Dramen, die seit unbestimmter Zeit herumrollen und verrosten. Es wäre aber nicht Hänsli, wenn die dürftigen Fundstücke nicht zum malerischen Sujet erhoben würden. Für seine vierte Einzelaschau bei Bob Gysin zeigt der Künstler zahlreiche neue Arbeiten, rund 200 gemalte Porträts von Schrauben in unterschiedlichen Serien. Dabei setzt er das Objekt jeweils exakt in die Mitte, krumm, durchgerostet, mit Abnutzungsspuren, und fügt einen unmerklichen Schatten hinzu. Die neuen, rostfreien Schrauben erscheinen darunter wie nackt. Natürlich ist jedes Gemälde nur für den flüchtigen Blick das getreue Abbild einer Schraube. Je näher man diesem kommt, desto mehr löst sich der vermeintliche Fotorealismus in Malerei auf.
108 Schraubenporträts sind etwa im Format A4 auf Tafeln gemalt. Inmitten der weissen Fläche, in die sie gesetzt wurden, wirken sie wie im weiten All, als Spuren im Nichts, das sich in der horizontalen Aufreihung endlos wiederholt. Wie ein Kulminationspunkt antwortet darauf ­‹Petras letzte Spur›, die der Ausstellung den ­Titel gibt: Die Fotografie einer weiss verschneiten Berglandschaft, in der sich die einsame Spur einer Skifahrerin hinter dem Abgrund verliert. Das Bild ist als Objet trouvé in einem Kasten sichergestellt, und die von Hand geschriebene Legende setzt ihm ein poetisches Denkmal.
Auf und davon sind auch drei schwarze Kater. Ihre Porträts sind auf Vermisstenanzeigen abgebildet, die mit Beschreibung und Telefonnummer sonst an Laternen und Hauswänden befestigt werden - normalerweise in so schlechten Schwarzweisskopien, dass nicht einmal die Nachbarin das Büsi identifizieren könnte. Beim Nähertreten stehen wir vor einem Gemälde, das einen temporären Zustand der Verzweiflung festhält, ein Gefühl, das sich in der Zwischenzeit möglicherweise längst in ein anderes verändert hat, Groll, Trauer, Erleichterung. Doch davon wissen wir nichts. Wir betrachten nur ein Gemälde, das Ephemeres grandios in die Ewigkeit überhöht.
So verwandelt Hänsli alltägliche Dinge in zeitlose Metaphern der Vergänglichkeit. Sie vergnügen und berühren, weil sie einst Ephemera waren, die sich nun durch das Sammeln des Künstlers bedeutungsvoll verdichten.

Bis: 30.05.2015



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Ausgabe 4  2015
Ausstellungen Christoph Hänsli [27.03.15-30.05.15]
Institutionen Bob Gysin [Zürich/Schweiz]
Autor/in Susann Wintsch
Künstler/in Christoph Hänsli
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