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Fokus
6.2015


 Martin Boyce zählt zu den international bekannten Künstlern. Bei der Venedig-Biennale 2009 vertrat er Schottland mit einem Beitrag im Palazzo Pisani, 2011 erhielt er den Turner Prize. Ab Ende der Neunzigerjahre war er kontinuierlich in Einzel- und Gruppenausstellungen präsent. Der unausweichlichen Frage nach einer ersten musealen Einzelausstellung begegnet er unaufgeregt. Er nimmt sie zum Anlass, die Essenz seines bisherigen Werkkorpus an Installationen, Objekten wie Songs in den Raum zu stellen. Der Release seines Konzeptalbums findet im Museum für Gegenwartskunst Basel statt.


Martin Boyce - There are Places


von: Stefanie Manthey

  
links: Do Words Have Voices, 2011, Installationsaufnahme Museum für Gegenwartskunst, Verzinkter und lackierter Stahl, Kupfer, Leuchtstofflampe und elektrisches Zubehör, Holz, 191,5x317x148 cm, Courtesy of The Modern Institute/Toby Webster Ltd, Glasgow; Galerie Eva Presenhuber, Zürich; Johnen Galerie, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York, Foto: Gina Folly
rechts: A River in the Trees, 2009, Installationsaufnahme Museum für Gegenwartskunst, Pulverbeschichtetes Aluminium, Stahl, elektrisches Zubehör, Gussbeton, Sperrholz, gewachstes Krepppapier, Masse variabel, Courtesy of The Modern Institute/Toby Webster, Glasgow; Galerie Eva Presenhuber, Zürich; Johnen Galerie, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York, Foto: Gina Folly


Das schottische Glasgow bildet eine Konstante in der Vita von Boyce. In der Public Library von Hamilton, dem Vorort von Glasgow, wo er aufgewachsen ist, fand er die ersten Drucksachen zu Themen, die seine Arbeitsweise prägen: Pop als künstlerische Haltung mit Drall ins Surreale, ins psychologisch Abgründige, und Architekturillustrationen mit Letraset-Charakteren aus dem Umfeld der Moderne, die mit eigenen Systemen und Grammatiken arbeiten.
Seine künstlerische Ausbildung absolvierte er an der Glasgow School of Arts, und während der Lunchpause im lokalen Plattenladen: «Das war mein ‹erstes Museum›; das Museum, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich hatte grosses Interesse an Grafikdesign und speziell diesem Format, dem 12-Inch-Quadrat. Dort stiess ich auch auf das Albumcover ‹Unknown Pleasures› (Joy Division, Factory Records, 1979). Das Albumcover wurde so wichtig für mich, dass ich es gestohlen habe.»1
Das Cover ist ein schwarzes Quadrat mit einer weissen, mittig platzierten Linien­zeichnung. Es zitiert die erste Visualisierung eines 1967 entdeckten, astronomischen Phänomens, eines Pulsars. Seine Frequenz ist die eines fallenden, sterbenden Sterns. Boyce schätzt die darin liegende Poesie. Zur Sammlung seines Museums gehören neben ‹Unknown Pleasures› weitere Cover aus der Zusammenarbeit zwischen Peter Saville und Factory Records. Darunter auch das New-Order Cover für ‹Power, Corruption and Lies›, einem Konzeptalbum mit Thatcher-kritischen Songs, für das die Abbildung eines in der National Gallery London hängenden Blumen-Stilllebens von Henri Fantin Latour verwendet wurde. Es wurden keine Nutzungsrechte mit dem Argument gezahlt, dass das Gemälde der Öffentlichkeit gehört.

Beginnings without ends
Zuletzt erhielt er von Steven Holl, dem britischen Architekten, den Direktauftrag, eine Arbeit für den im August 2014 eröffneten Neubau der Glasgow School of Arts zu machen. Leitend war für Boyce die Vorstellung von «geometrischen ‹Hanging Gardens›» in der Zone über dem Eingang als für jeden Studierenden bedeutungsgeladenen Schwelle: «Ich wollte etwas Optimistisches, aber ästhetisch Hartes machen. Die Arbeit heisst ‹A Thousand Future Skies›.»
Im Zentrum Glasgows befindet sich die Metallmanufaktur, mit der er seit 2002 zusammenarbeitet. 2002 entspricht einer Zäsur in Boyces Schaffen. Ausgelöst von den riesigen Räumen des Tramway, eines ehemaligen Tramdepots in Glasgow, das als Public Gallery genutzt wird, arbeitet er erstmals installativ und kollaborativ. Mit der adaptierten Fassung dieser Installation, die im Titel einen Song des Albums ‹Power, Corruption and Lies› zitiert, beginnt die Basler Ausstellung. Diese nutzt die sechs Räume des ersten Obergeschosses inklusive Korridorsituation, um eine Auswahl älterer installativer Arbeiten, Werkgruppen und die Fotoarbeit ‹Partial Eclipse› in ein gleichsam landschaftliches Verhältnis zueinander zu setzen, das Phänomene der Entropie und des Urbanen umfasst. Dieser Zugriff, bei dem Stimmung, emotionale und psychologische Zustände, Klänge von Blättern, Wasser, Worten und Bands eine grosse Rolle spielen, ist charakteristisch für die Arbeitsweise von Boyce, der mit konzeptioneller Präzision und der Lust an Brüchen, Kontrasten, Wiederholungen, Ellipsen und Dead-Ends arbeitet. Diese Kompositionselemente wandte er auf zentrale Installationen wie ‹No Reflections›, 2009, die Turner-Prize-Installation sowie verschiedene Werkgruppen an. Sie halten die monografische Landschaft in Balance.
Jugend als biografisch vergangenes und kulturell gegenwärtiges Phänomen bildet das Rückgrat von ‹Our Love is Like the Flowers, the Sea and the Hours›, 2002/ 2015, der ersten Installation von Martin Boyce: «Ich war irgendwie in einer Phase in meinem Leben, in der ich fühlte, dass es einen Raum zwischen dem Teenage-Selbst und dem Selbst des 35-jährigen Mannes gab. Ich konnte auf mich selbst als eine leicht andere Person zurückblicken. (...) Raf Simmons führte im Kontext von Mode und Fashion die Idee der verlorenen Jugend wieder ein: the mythic teenage - im Übergang zu allen Styles.»
Um Joy Division als Band noch live mitzubekommen, war Boyce zu jung. Die tragische Geschichte um den Frontsänger Ian Curtis, die emotionale Wucht der Songtexte und ihr Sound wurden durch den Film ‹Control›, 2007, wieder Teil von Jugendkultur: mit Sam Riley als androgynem Hauptdarsteller, der auch als Model für Raf Simmons hätte arbeiten können. In den Fotostrecken des rockigen Modedesigners und Fotografen Hedi Slimane zu ‹Anthology of a Decade› kommt er vor.

Parcs at Night
Klassische Orte von Jugendkultur sind Bars und vor allem ‹Noctunal Parcs, Parcs at Night›. Ausschlaggebend für die Vorstellung war ein spezielles Image, das er in ­einem Magazin entdeckte. Er löschte mit Selotape die Figuren, um nur noch das Bild eines Aussenraumsettings zu haben. «Was brauche ich, um einen Park zu machen? Ich brauche eine Bank und einen Abfalleimer, einen Aschenbecher, einen Maschenzaun und ich brauche einen Baum. Wenn ich alle diese Objekte beisammen habe, dann habe ich einen Park.» In Basel wurde das Nächtliche in Mischungsverhältnisse aus Tages- und Kunstlicht übersetzt, Sound und Schrift weggelassen. Boyces ursprüngliches Set an Parkequipment ist ebenso fragmentiert wie die realen Gegenüber, aber vollkommen clean. Den Unterkonstruktionen seiner lehnenlosen, nahtlos lackierten Bänke sind formale Qualitäten à la Jean Prouvé eigen. Die Art, wie sie ineinander verstellt sind, hat etwas Menschliches. Die Frage nach den passenden Leuchtkörpern in Baumform brachte Boyce erstmals in Berührung mit der Publikation über ‹French Modernist Gardens› und den darin abgebildeten Skizzen schematischer Bäume des Geschwisterpaars Joël und Jan Martel. Entwurfsskizzen für fünf Meter hohe Betonskulpturen, die bei der Exposition des Arts Décoratifs 1925 im Jardin Cubiste von Robert Mallet-Stevens standen - jene Skizzen, die ab seinem Atelieraufenthalt in Berlin 2005 ausschlagggebend waren, um zunächst eigene Patterns und wenig später eine eigene Typographie, die ‹Tree Typography›, zu entwickeln. 2002 skizzierte er mit wenigen Linien die Gestalt junger Bäume als Vorlage für Lichtskulpturen aus Fluoreszenzleuchten.
Vor 2002 hat Boyce im Nachklang des Aufenthalts am Cal Arts 1996 mit Elementen wie dem der Regalsystem der ‹Eames Storage Unit/ESU› und Stuhlikonen wie der «Ameise» von Arne Jacobsen als «untoten Objekten, die ihre Seele verloren haben» gearbeitet. «Ich interessierte mich für das Weiterleben dieser Formen seit ihren utopischen Anfängen, denen ihre Ideologie über die Zeit hinweg weggerissen wurde. Meine Arbeiten bilden eine Landschaft des Noir Moderne.»
Seinen baugleichen ‹Eames Storage Units› wurde etwas angetan. Sie sind nicht zu öffnen, brandversehrt. Die Schalen seiner «Ameisen» sind an den dünnsten Stellen zerborsten, die Flächen zerschnitten. Die rekonfigurierten Fragmente halten Mobiles grazil in der Balance. Nach Boyce zeigen sie, wie Erinnerung konstruiert wird: «Jedes Fragment verlässt sich auf das nächste, um das Bild zu erzeugen.»

Do Words Have Voices?
Der Raum, in dem die Turner-Prize-Installation ‹Do Words Have Voices?›, 2011/2015, in Basel gezeigt wird, stimmt mit dem Raum der Erstpräsentation in ­Gateshead überein. Als Boyce von seiner Nominierung erfuhr, war in Glasgow gerade ein Tisch fertiggestellt worden. Er wurde zum Zentrum der Ausstellung, nach einem vorgängigen, langen Bearbeitungsprozess, der zum Ziel hatte, dem Tisch den Charakter eines in einem waldähnlichen Setting gefundenen «lost object» zu geben. «Es ist keine Replik. Es ist durch mich gefilterte Version eines Jean-Prouvé-Schreibtischs.» Gekreuzt wurde das Gestell der ‹Grande Table›, 1951-52, mit dem Bibliothekstisch mit Leuchte von 1951, einer Zusammenarbeit zwischen Prouvé und Charlotte Per­riand. Dann begann Boyce damit, den Begriff «illuminated manuscript» wörtlich auf die Tischplatte anzuwenden. «Was soll ich auf den Tisch schreiben? (...) Es ist fast wie ein Katalog meiner früheren Arbeiten. Es gibt: Bounded Beyond Telephone Calls, Blizzards... Birch Trees and Steel, Empty Pools, There Are Places.»
Alle Elemente des waldähnlichen Settings (Deckenkonstruktion, Lüftungsgitter, Schrift, Laub aus gewachstem Krepppapier) sind aus dem Pattern und der Tree ­Typography abgeleitet. Elemente, die Boyce 2005 aus den Skizzen der Martel-Bäume entwickelte, nachdem er sie auf ihre geometrischen Grundformen zurückgeführt und als Elemente aus Pappe vor sich hatte, um von Neuem mit dem Konstruieren und Kombinieren zu beginnen. «Tatsächlich passierte dabei etwas sehr Poetisches. Wenn du einen Baum wiederholst, entsteht ein Wald, und dann beginnt Sprache aufzutauchen, wie Worte, die durch den Wald geflüstert werden.» Dabei kann es sich auch um ‹Petrified Songs› in Anlehnung an den metallenen Schriftzug in der Venedig-Installation ‹No Reflections› 2009, 2015, handeln.
Die Räume des Palazzo Pisani in Venedig lassen sich nicht kopieren. «Aber grundsätzlich und für jede Re-Installation ist diese Vorstellung verbindlich und gültig: Es ist wie das Hineingehen in einen leeren Pool. Zuerst werden die Trittsteine eingeführt und die schimmernde Wasseroberfläche wird durch die getrockneten Blätter ausgetauscht. In den Räumen des Museums für Gegenwartskunst ist das Verhältnis zu den beiden realen Arten von Wasser in unmittelbarer Nähe, ihren unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Geräuschen besonders schön.» Mit der Vogelhausarbeit ‹There are Places› erhalten jene Orte einen Anker in der Ausstellung, die im Denken und der Imagination wie Vögel herumschwirren und dabei immer wieder zwischen Drinnen und Draussen wechseln.
An der Basler Ausstellung hat Boyce anderthalb Jahre gearbeitet und eine Auswahl an Arbeiten getroffen, die zwischen 2000 und 2014 entstanden sind. «Ich finde, dass das Konzept der Basler Ausstellung, eine Auswahl älterer installativer Arbeiten wieder zu zeigen und dabei den Fokus auf einzelne Arbeiten zu legen, sehr wichtig ist. Eine Ausstellung in einer öffentlichen Institution wie dem Museum für Gegenwartskunst ist eine unglaubliche Möglichkeit, einen Korpus an Arbeiten auf seriöse Weise einer grösseren Öffentlichkeit vorzustellen.» Das Plakat zur Ausstellung, das ausschnitthaft eine Präsentation der ‹Evaporated Pools› zeigt, hat Coverqualitäten. Und das nicht nur, weil Peter Saville das perfekt gefallene Blatt 1987 auf das Cover der Single ‹True Faith› von New Order setzte. Im Juni 2015 erscheint Manual: No. 3 in der gleichnamigen Reihe des MGK.
Stefanie Manthey, Kunsthistorikerin, Kunstvermittlerin im Team des Schaulager Basel, Mitarbeiterin bei Herzog & de Meuron (Fokus: Ausstellungen, Art und Artist Collaborations, Archiv). stefaniemanthey@gmail.com
1Alle Zitate von MB: Gespräch im MFGK Basel, 23.4.2015

Apéro in Anwesenheit des Künstlers anlässlich des Erscheinens von Manual No. 3, am 17.6., 18-20 Uhr

Bis: 31.01.2016


Martin Boyce (*1967, Hamilton, Schottland) lebt in Glasgow
1986-1990 Glasgow School of Art, Glasgow
1995-1997 Glasgow School of Art. MFA, Glasgow
1996 California Institute for the Arts, Valencia/CA, USA
2011 Turner Prize

Einzelausstellungen (Auswahl ab 2010)
2015 Museum für Gegenwartskunst Basel; Galerie Eva Presenhuber, Zürich; Rhode Island School of Design, Providence, RI
2014 ‹Billboard for Edinburgh: Martin Boyce›, Ingleby Gallery, Edinburgh; Johnen Galerie, Berlin
2013 ‹All Over / Again / and Again›, The Modern Institute, Glasgow; ‹It's Over/and Over›, Tanya Bonakdar Gallery, New York; ‹Study: Eyes›, David Roberts Art Foundation, London
2012 ‹In Praise of Shadows›, Johnen Galerie, Berlin; ‹Scarecrows & Lighthouses›, Tramway, Glasgow
2011 Turner Prize 2011, Baltic Centre for Contemporary Art, Gateshead; KölnSkulptur 6, Skultpurenpark Köln, Cologne; Winter Palms, Tanya Bonakdar Gallery, New York; Koch Institute/MIT, Cambridge, MA;‹Night, terrace, lantern chains, forgotten seas, sky›, The Modern Institute, Glasgow
2010 ‹A Library of Leaves›, Galerie Eva Presenhuber, Zürich; Commission for MIT, Cambridge, MA



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Martin Boyce [25.04.15-16.08.15]
Ausstellungen Martin Boyce [28.08.15-24.10.15]
Ausstellungen Martin Boyce [02.10.15-31.01.16]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Gegenwart [Basel/Schweiz]
Institutionen Galerie Eva Presenhuber AG [Zürich/Schweiz]
Institutionen RISD Museum [Providence/USA]
Autor/in Stefanie Manthey
Künstler/in Martin Boyce
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