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Fokus
6.2015


 Die neuen Arbeiten von Claudio Moser mäandern in verschiedenen Medien. Bereits zu Beginn der künstlerischen Laufbahn erstreckten sich seine Sondierungen nicht nur auf Fotografie, sondern auch auf Film und Skulptur. Inzwischen ist das Medium nahezu unerheblich, vielmehr zählen die Intensität persönlicher Erfahrung und die Lust am unbeschwerten Tun. Woher nimmt Claudio Moser Mut und Gelassenheit, sich einer neuen Leichtigkeit zu öffnen? Was erzählen die Arbeiten?


Claudio Moser - Eine Öffnung hin zum Leben


von: Markus Stegmann

  
links: Ramat HaNegev, 2015, Tintenstrahldruck auf Hahnemühle Baryta, 92x60 cm, Auflage 3, ©ProLitteris, Courtesy für alle Werke: Skopia art contemporain, Genf
rechts: Boule jaune citron, 2015, Haushaltspapier, Holzleim, Drahtgitter und Kupferrohr, 165x100x100 cm; an der Wand: Ja'ar Ramon, 2015, Tintenstrahldruck auf Hahnemühle Baryta, unten rechts: Modell der Ausstellung ©ProLitteris


Stegmann: Viel wird darüber geredet, geschrieben, gestritten, was Kunst eigentlich auszulösen vermag, was von ihr im Alltag übrig bleibe, wohin ihre Wahrnehmung führe. Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Was bedeutet dir Kunst?

Moser: Eine Tür zu mehr, eine Öffnung hin zu mir, hin zum Leben. Wenn ich auf Kunst treffe, kann ich vibrieren, kann Musik entstehen. Kunst ist dieses Dritte zwischen ihr und mir. Auf der einen Seite gibt es eine Ausstrahlungskraft, auf der anderen eine Möglichkeit, diese aufzunehmen. Beides hat miteinander zu tun. Wenn ich eine Intention in einer Arbeit spüre, kann sie auf mich überspringen, sie breitet sich in mir aus, ohne dass ich mich ihr angleichen muss: Sehe ich zum Beispiel ein tolles Bild von van Gogh, nehme ich die Intensität des Bildes auf, ohne mir gleich ein Ohr abzuschneiden. Das hier auf dem Tisch sind ‹Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge› von Rainer Maria Rilke. Ich habe seit 1985 mehrfach den Versuch gemacht, das Buch zu lesen, vergeblich, die Worte drangen nicht in mich ein. 1991 gelang es mir. Heute, 2015, nahm ich es wieder hervor: Das Buch und ich passen immer noch zusammen. In den vergangenen 24 Jahren hat es für mich nichts von seiner Kraft verloren. Lies mal die erste Seite, das ist eine Fotografie! Die kurzen Sätze, Stakkato, Rhythmus, eine Stimmung, die du siehst, hörst und riechst!

Stegmann: Wie ging das eigentlich los mit der Kunst, was stand ganz am Anfang?

Moser: Es war ein Festhalten von Stimmungen, in denen ich mich fand. Du kommst auf diese Welt, musst viel lernen, gehen, sprechen, lesen und so weiter. Das brauchst du, um zu bestehen. Doch irgendwann ging ich mir dabei verloren. Ein Fotoapparat hat mir geholfen, Teile von mir in Landschaften wiederzufinden. Das ist heute noch immer so.
Mäandern zwischen den Medien

Stegmann: Was hat sich in deiner Arbeit seitdem verändert? Im Atelier sehe ich zwei grosse, amorphe Gebilde, Malerei auf Papier hängt an der Wand, Bücher liegen auf dem Tisch.

Moser: Es tut sich immer mehr auf. Am Anfang war der Fokus wohl aus Unsicherheit klein. Heute finde ich immer mehr Felder interessant. Ich möchte mich nicht einschränken.

Stegmann: Und nun stehen da zwei kugelige Gebilde auf dünnen Kupferrohren. Spielerische, farbige Ballen, harmlos kindlich auf den ersten Blick, eingesperrte, zusammengeschnürte Energie auf den zweiten. Wie kamst du zur Skulptur?

Moser: Die Skulpturen haben sich aus meiner Malerei entwickelt, die ich seit 2007 ganz für mich privat betreibe. Vor drei oder vier Jahren habe ich kleine, handtellergrosse Kugeln aus Papier geformt und jeweils monochrom bemalt. Eine dreidimensionale Palette sozusagen. Ich wollte sehen, wie sich Farbe im Raum verhält. Zum Trocknen habe ich sie auf Draht gesteckt. Einige Zeit später wollte ich eine Fotografie mit ­einem 3D-Drucker als räumliche Arbeit umsetzen, was sich aber als zu kostspielig erwies. Daraufhin hängte ich einige der farbigen Kugeln vor eine grosse, schwarzweisse Fotografie, und plötzlich passierte da etwas zwischen der Räumlichkeit der Kugeln und dem Bildraum. Für ein Kunst-und-Bau-Projekt entwickelte ich einen Vorschlag mit zwei bemalten Bronzekugeln für den Aussenraum. Schliesslich hat sich aus all diesen Experimenten und Nebenwegen die Idee für die beiden grossen Skulpturen ergeben, die in meiner Ausstellung bei Skopia im Dialog mit Fotografien und Farbverläufen als Wandmalerei zu sehen sein werden.

Stegmann: Wie ergeht es dir mit den beiden Gebilden hier im Atelier?

Moser: Mich fasziniert das Nichtdefinierte: etwas zwischen winterfest verpacktem Baum, Lampe, Wolke, Sonne. Wenn es draussen dunkel wird, sehen sie plötzlich ganz anders aus. Sie ändern ihre Identität, je nach Licht und Tageszeit. Alles, was mein Feld öffnet, hat zunächst etwas Erfrischendes, Spielerisches, aber natürlich auch die Gefahr, sich irgendwo zu verlieren. Ich mag keine radikalen Schnitte im künstlerischen Prozess. Nach meiner Krankheit im letzten Jahr hätte ich mich entscheiden können, beispielsweise nur noch zu malen oder zu schreiben. Aber ich erlebe meine künstlerische Arbeit anders: Das eine ergibt sich aus dem anderen, ein allmähliches Ein- und Ausblenden. Ob den zwei Kobolden da weitere folgen, werde ich sehen.

Kein Wenn und Aber
Stegmann: Und woher nimmst du die Unbeschwertheit, etwas völlig Neues zu machen? Gerade wenn Kunstschaffende im Lauf ihrer künstlerischen Entwicklung für ein bestimmtes Medium und/oder eine bestimmte Handschrift bekannt sind, lauert paradoxerweise die Gefahr, dass Neues auf Ablehnung stösst.

Moser: Vielleicht hat das auch mit meinen Kindern zu tun. Von einer Sekunde zur anderen machen sie etwas völlig Unvorhergesehenes. Sie überlegen nicht, kein Wenn und Aber. Sie machen einfach. Das hat etwas ungemein Erfrischendes, geradezu Entwaffnendes, das mir gut gefällt. Das Leben ist zu vielfältig, um in Routine zu fallen. Meine Krankheit hat diese Sichtweise noch verstärkt. Ich habe keine Angst mehr. Mein Ausgangspunkt ist wie zu Beginn meiner Arbeit vor vielen Jahren eine Stimmung. Nicht mehr und nicht weniger. Die Reflexion kommt bei mir immer nachher.
Stegmann: Du hast vorhin erwähnt, dass du seit 2007 malst. Bislang hast du aber noch nichts öffentlich gezeigt. Das sind nun immerhin acht Jahre Malerei, und fast niemand bekommt das mit. Wird es nicht langsam Zeit, etwas davon zu zeigen, zumal deine Fotografie seit jeher malerische Eigenschaften aufweist?

Moser: Ich male einfach für mich privat, ohne Anspruch, ohne Ambition. So konnte ich mich unbeschwert mit Farbe austoben. Erst kürzlich hatte ich das Gefühl: Jetzt ist da etwas Eigenständiges. Mit der Malerei fing ich an, weil ich etwas drinnen machen wollte, Bilder aus mir schöpfen, nicht immer nur im Aussenraum auf die Suche nach Bildern gehen. Zwei verschiedene Räume und Richtungen: Die einen kommen aus dir heraus, die anderen kommen auf dich zu. Malerei ist mein Innenraum.

Stegmann: In deiner Fotografie spielt die sinnliche Präsenz der Farbe eine grosse Rolle.

Moser: Das hat sich noch verstärkt. Seitdem ich Farbe anfasse, erscheint sie mir intensiver als vorher. Ihre Präsenz im Aussenraum hat sich für mich verstärkt. Von Anfang an male ich mit den Händen, erst letztes Jahr kam ein Pinsel dazu.

Stegmann: Fotografien der Wüste Negev im Süden Israels sind so etwas wie der ­rote Faden deiner Ausstellung bei Skopia. Warum Wüste, und woher kommt diese überwirkliche, monochrome Farbigkeit der Fotografien?

Moser: Nach 2011 ging ich 2014 nochmals in die Wüste Negev. Dieses Mal, um hochformatige Fotografien zu machen, weil ich gemerkt habe, dass es dort eine vertikale Energie gibt: Anders als in Europa fühle ich mich sozusagen zwischen Himmel und Erde eingespannt. Ich verbrachte eine Woche in einer einfachen Hütte, weitab in der Wüste. Morgens schrieb ich bis 11 Uhr, was ich jeweils in diesen Momenten erlebte, was mir durch den Kopf ging. Dann packte ich genügend Wasser zusammen und lief entgegen allen Ratschlägen für drei Stunden in die Wüste, um zu fotografieren. Kein Mensch fotografiert in der Mittagssonne. Das ist das denkbar ungünstigste Licht. Ich wollte aber die grösste Hitze spüren und geriet in einen Zustand von Trance und Erschöpfung. Aber die brutale Hitze in meinem Körper war wunderbar: ein grosses Glücksgefühl, nach der Chemotherapie diesen Ort nochmals besuchen zu können. Das war kurze Zeit vorher noch undenkbar. Zu Hause folgte allerdings die grosse Enttäuschung: Keine der Fotografien gab das Empfundene wieder. Dann passierte mir ein Fehler beim Vergrössern eines der Negative, so dass der Abzug plötzlich tief ­violett wurde. Als ich ihn wegwerfen wollte, bemerkte ich: So, ja genau so habe ich die Wüste erlebt! Dann experimentierte ich weiter. Auf diese Weise kamen die intensiven, monochromen Farben in meine neuen Fotografien. Die Chemie, die mich heilte und an den Rand brachte, glüht nun in den Bildern.

Markus Stegmann, Kunsthistoriker und Autor. stegmann.m@bluewin.ch

Bis: 11.07.2015


Claudio Moser (*1959, Aarau) lebt in Genf
1981-84 Ecole supérieure d'Arts Visuels, Genf

Einzelausstellungen (Auswahl)
2014 ‹Toi›, Art Unlimited, Art Basel
2013 ‹Ist was ist was ist...›, Installation von 159 Spiegeln, Badischer Bahnhof / Messeplatz, Basel
2012 ‹Stadt verlassen›, Nicolas Krupp Contemporary Art, Basel
2011 ‹Zwykling›, Galerie Schmidt Maczollek, Köln (mit Birgid Werres)
2010 ‹Owls shall answer›, Galeria Arsenal, Bialystok, Polen
2009 ‹Your shirt on my chair, Claudio Moser inszeniert von Harry Gugger›, Kunstmuseum Thun;
‹Ready or not›, Skopia art contemporain, Genf
2002 ‹Walk on›, Fotomuseum Winterthur
2001 ‹Nowhere near far enough›, Galerie Bob van Orsouw, Zürich
2000 Kunsthalle Basel (mit Markéta Othovà); Museum zu Allerheiligen, Kunstverein Schaffhausen
1999 Galerie Rolf Ricke, Köln



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Claudio Moser [28.05.15-11.07.15]
Institutionen Skopia [Genève/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Claudio Moser
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