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Ansichten
6.2015


 Eine engagierte, gegen Werkproduktion gerichtete Ästhetik ist derzeit sicher notwendiger als Malerei, die zunehmend schicke Galerieware wird. Warum behalten Gemälde ihre Faszination dennoch? Zur Klärung der Frage vereinbarte ich einen Termin im Studio von Lea von Wintzingerode und werde dort von einer überaus konzeptionellen Strategie überrascht.


Ansichten - Im Auge der Schlange


  
Lea von Wintzingerode · (the look) off the snake, 2014, Öl auf Leinwand, 115x90 cm


In Berlin Mitte, in der Auguststrasse schräg gegenüber der KunstWerke, steht eines der letzten noch nach DDR aussehenden Gebäude, die KULE, das zudem eines der letzten besetzten Häuser hier ist. Künstler/innen wohnen da, so der Perfomanceartist Christian Falsnaes und auch die konzeptionelle Malerin Lea von Wintzingerode. Also hinaufgestiegen in den vierten Stock, um dort im Arbeitsraum der jungen Künstlerin mit ihr eines ihrer Gemälde zu betrachten und zu diskutieren. Lea stellt ihren Computer an, der selbst komponierte Klaviermusik spielt, dann zeigt sie mir zu diesen minimalistischen Klängen ihr Bild ‹(the look) off the snake›, 2014, das sie im Rahmen ihrer Bachelor-Prüfung an der Hamburger HfBK gemalt hat. Thema ihrer schriftlichen Arbeit war der Maler Marc Chagall und dessen Rezeption. So ist es kein Zufall, dass in der linken unteren Ecke des Bildes ein Frauengesicht zu sehen ist, das deutlich auf den Stil Chagalls anspielt. Ihr gegenüber eine weitere Frau, die dem Publikum, genauer dessen im Titel angesprochenen «look», den Rücken zuwendet. Auf diesem Rücken ist der Raum aus Velázquez' Gemälde ‹Las Meninas›, 1656, mit kargen Strichen angedeutet. Beide Frauen schauen auf ein nacktes Paar in der Mitte des Bildes, das tanzend auf einer Dachterrasse erscheint, im Hintergrund sind schemenhaft modernistische Hochhäuser gemalt, rechts steht ein Baum.
Dieses komplexe Denkbild erinnert stilistisch einerseits an den fragil-aggressiven Dilettantismus einer Jutta Koether, anderseits an die poetische Sensibilität der frühen Elizabeth Peyton. Solche Ambivalenzen sind charakteristisch für diese Kunst, so auch die von Geschichte und Aktualität, von Innen und Aussen und von musikalischer und bildlicher Sprache. Vor allem ist Ambivalenz das inhaltliche Anliegen der Künstlerin, dass sich hier beispielsweise in der Mehrdeutigkeit von Versuchung und Distanzierung äussert. So bleibt in diesem Bild etwa offen, wer von den beiden nackt Tanzenden verführt wird oder selbst verführt. Und wen verführt: das gemalte Gegenüber oder den das Bild Ansehenden? Genau diese Ambivalenz von Repräsentation und deren konstituierender Wahrnehmung ist ja auch ein Thema von ‹Las Meninas› - und wird in ‹(the look) off the snake› zudem in der Wahrnehmungssituation reflektiert, die ja dank ihres Musik-Bild-Mixes gezielt auf einen eindeutigen, mono­medialen Repräsentationsmodus verzichtet: Die Malerei weist den Anspruch der Musik zurück und umgekehrt. Genau so ist Malerei noch spannend.
Raimar Stange (*1960, Hannover) ist freier Kritiker und Kurator in Berlin. raimarb@aol.com



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Ausgabe 6  2015
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Lea von Wintzingerode
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