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Fokus
5.2015


 Die Amerikanerin Sharon Lockhart fertigt Bilder von aus den Aufnahmen heraustretenden Personen und dreht Filme, in denen die Imagination die Hauptrolle spielt. Die Schau ‹Milena, Milena› im Kunstmuseum Luzern ist ihre bisher grösste Einzelpräsentation in der Schweiz und die letzte Folge einer vorgängig in Warschau und Stockholm gezeigten Trilogie.


Sharon Lockhart - Das Bild als Echo


von: Philipp Spillmann

  
links: Milena, Milena, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2015. Foto: Marc Latzel
rechts: Milena, Jaroław 2013, 2014 (Detail), 3 gerahmte C-Prints, je 128,8x103,3 cm, Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Gladstone Gallery, New York/Brussel; Blum & Poe, Los Angeles


Wer ist Milena? Diese Frage, die so simpel klingt, dass sie schon fast langweilt, die sich durch den überschlagenden Ausstellungstitel noch vor dem Betreten der Räume aufdrängt und als Echo in ihnen zurückhallt - diese Frage wird von der Ausstellung nicht beantwortet. Eifrig lässt sich sagen, bei ‹Milena, Milena› geht es gerade darum, alles daranzusetzen, dass sie nicht beantwortet werden kann. Dass es vielmehr darum geht, sie zu zergliedern, zu verfransen, zu zerspinnen und in allen Räumen des Museums zu verteilen. Damit sie sich ständig von Neuem, ständig anders stellt. Damit klar wird, dass ‹Milena, Milena›, obwohl sie von einer Geschichte handelt, keine Geschichte erzählt.
Der sich zunächst ins Belanglose verdoppelnde Titel markiert bereits das konzeptuelle Territorium der Ausstellung. Wie der Titel ist die Ausstellung als letzte Station einer Reihe ebenso Wiederholung wie Vervielfachung, wie bei ihm unterbreitet sich bei ihr eine grosse Lücke, die zwischen Milena an der ersten und an der zweiten Stelle liegt - zwischen Milena, dem Mädchen, und Milena, der jungen Frau. Milena, das geheimnisvolle polnische Kind, das Sharon Lockhart 2009 bei den Dreharbeiten zu ihrem Film ‹Podworka› in Polen kennengelernt hat. Milena, eine Freundin, deren Geschichte nicht losgelöst von Lockharts eigener erzählt werden kann.

Die Imagination wird prekär
Die Ausstellung beginnt mit einem Film, der auf eine massive, frei im Raum stehende Wand projiziert wird. Eine wuchtige graue Fläche, auf der die einsame Silhouette einer Frau zu sehen ist, die etwas vom Boden aufsammelt. Langsam und beständig arbeitet sie sich durch eine Sumpflandschaft, in deren Nebel sich ein Horizont nur ahnen lässt. Stille. Im Hintergrund weckt eine Geräuschkulisse mit Vogelgezwitscher, Glucksen und tropfendem Wasser Erinnerungen an einen frühen Novembermorgen, bevor die Sonne durch die Wolken bricht. Das Schleifen eines über den Schlick gezogenen Bootes und die repetitive Handlung der mit ihren Händen nach Muscheln grabende Frau untermalen den Eindruck eines fast eingefrorenen Bildes. Gedreht wurde der Film mit dem Titel ‹Double Tide›, 2009, im atlantischen Wattenmeer, in Seal Cove, Maine, in den USA - Lockharts Heimat. Der Titel steht für ein seltenes Naturphänomen, bei dem am selben Tag gleich zweimal Ebbe und Flut aufeinander folgen.
Die zweite Ebbe, die im Abendrot aufgenommen worden ist, wird im selben Raum auf einer zweiten freistehenden Wand, von der anderen Seite her abgespielt. Die Bilder können nicht gleichzeitig in den Blick genommen werden. Jedes ist das Echo des jeweils anderen. Es bleibt der Imagination überantwortet, die Lücke aus Zeit und Raum, die zwischen den Ausschnitten klafft, zu füllen. Genauer: sie zu überbrücken. Da die Bilder - und damit auch die Lücke zwischen ihnen - in Bewegung sind, kann diese nie vollends geschlossen werden. Sie ist metamorphotisch. Der Versuch, sie zu füllen, bringt nur weitere Lücken hervor. Die Imagination wird prekär: Die Bilder, die sie erzeugt, sind brüchig, flüchtig, amöboid.
Derartige Lücken tauchen in der Ausstellung überall auf. Sie erscheinen auf Porträts von Schulkindern, in metaphorischen Landschaften, als fiktive Erinnerungen oder in nachgestellten Szenen. Sie erscheinen aber auch in der Beziehung zwischen Arbeiten und Ausstellungsräumen sowie als Referenzen an aussenstehende Biografien und vergangene Werke.

Milena, die Projektion
Die räumlich an ‹Double Tide› angrenzende Porträtserie ‹Auditions›, 1994, eine der ältesten Arbeiten Lockharts, schlägt umgehend den Bogen zum Biografischen. Zu sehen sind fünf grossformatige Fotografien von je einem Jungen und einem Mädchen - knapp vor oder nach dem Moment eines Kusses. Sie befinden sich alle in demselben Treppenhaus, womit sich diverse Fragen stellen wie: Handelt es sich bei diesen intimen Aufnahmen um Schnappschüsse oder um Inszenierungen? Hat der Kuss jemals stattgefunden? Und sind die Kinder tatsächlich verliebt - wie dies ihre schüchterne Haltung suggeriert?
Beantwortet werden diese Fragen nicht. Sie bleiben im Raum stehen, an den Bildern hängen, an der Vorstellung haften. Das Wissen, dass die Aufnahmen auf eine Filmszene von François Truffaut anspielen, ist für das Verständnis nicht unbedingt nötig, lässt aber die Unschärfe zwischen Inszenierung und Dokumentation noch weiter wachsen. Die Porträts werden zutiefst problematisch. Die Bildwerdung - die Personifikation - der Kinder vollzieht sich streng genommen nicht. Es sind Kinder, klar. Aber als Personen sind sie Projektionen. Demgegenüber erhalten die Bildträger den Status von Projektionsflächen.
Wie viele von Lockharts Charakteren ist auch Milena keine biografisch bestimmte, durch ein Porträt fassbare Persönlichkeit. Sie tritt flüchtig in Erscheinung, wechselt ihr Aussehen, schlüpft in verschiedene Rollen. Sie stellt sich ebenso hinter die Kamera wie vor sie, nistet sich gleichzeitig in den Ausstellungsräumen ein, wie sie sich an deren Grenzen begibt. Milena, das ist einerseits eine Projektion, die sich der Bilder, Räume und Personen bemächtigt, andererseits aber auch der Name, in den die ganze Ausstellung projiziert wird. Das heisst - und das ist schon bemerkenswert - dass auch diejenigen Bilder, auf denen Milena gar nicht zu sehen ist, so gelesen werden können, als sei sie darin personifiziert. Selbst die Porträts, die Milena nicht bildlich zeigen, bilden sie ab. Umgekehrt - und das ist fast noch beachtlicher - lassen sich die anderen Personen in Milena und in ihre Bilder hineinlesen.

Milena, die Metapher
Lockharts Arbeiten enthalten immer auch ein Moment der Interaktion, das über den Bezug von Werken zu anderen Werken hinausgeht. Milena spielt mit der Kamera, die je nachdem den Platz des Objektivs, der Betrachtenden oder der Künstlerin selbst einnimmt. So schleicht sich Lockhart auch als Projektion in die Ausstellung ein, als Echo, das in den Bildern nachhallt. Ihre Aufnahmen bilden sie selbst genauso ab wie die Menschen, die sie darstellen. Das ist bei vielen Künstler/innen so, nur hier ist dies das Thema. Zwar freundet sich Lockhart nicht mit all ihren Modellen an, aber das Vertrauen und die Intimität, die der Beziehung zu Milena zu Grunde liegen, ziehen sich durch das gesamte Schaffen der Künstlerin. Dieses bringt sie mit einigen älteren Arbeiten in die Ausstellung hinein. Bei manchen macht das Sinn, bei anderen wirkt das eher bemüht und überladen.
Durchlässigkeit und Verschränkungen zeigen sich auch auf der kuratorischen Ebene. Einige Arbeiten sind raumübergreifend installiert und verbinden nebeneinander liegende oder auch weit entfernte Räume. ‹Double Tide› etwa treibt das Meer akustisch in die Muschelbilder des anschliessenden Raums. Und die aus den eigentlichen Räumlichkeiten hinausführende Glasmalerei ‹I, Milena Jodłówka› schlägt den Bogen zur angrenzenden Porträtausstellung ‹Von Angesicht zu Angesicht›.
Schliesslich überschreitet ‹Milena, Milena› auch die Architektur. Die möglichen Lesarten und Gehrichtungen dekonstruieren den kuratorischen Entwurf ebenso, wie sie seine Möglichkeiten multiplizieren. Die Anbindung an vorhergehende Ausstellungen und an Lockharts generelles Schaffen machen die Schau letztlich zu einer Metapher, die in diesem Text bisher zu kurz gekommen ist: Erinnerung. Wie bei Erinnerungen ist bei ‹Milena, Milena› weniger ausschlaggebend, wer diese junge Frau tatsächlich war oder ist, als vielmehr, was aus dieser Lücke, diesem flüchtigen, unbestimmten Dazwischen, gemacht werden kann.
Philipp Spillmann, Kulturjournalist, Kritiker und Künstler, lebt in Zürich. philipp.spillmann@hotmail.ch
Alle Zitate von Sharon Lockhart basieren auf einem schriftlichen Interview im März 2015.
Katalog mit Texten von G. Baker, L. B. Larsen, A. Bu­dak, F. Fetzer, C. Larsson, Silvana Editoriale, Hg. Kunstmuseum Luzern



Bis: 21.06.2015


Sharon Lockhart (*1964, Norwood, Maine) lebt in Los Angeles

1991 Bachelor in Fine Arts, San Francisco Art Institute, San Francisco
1993 Master in Fine Arts, Art Center College of Design, Pasadena CA

Einzelausstellungen (Auswahl)
2014 ‹Milena, Milena›, Bonniers Konsthall, Stockholm
2013 ‹Body Talk›, Bonniers Konsthall, Stockholm; ‹Milena, Milena›, Schloss Ujazdowski, Warschau
2012 ‹Sharon Lockhart | Noa Eshkol›, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien
2011 ‹Lunch Break›, San Francisco Museum of Modern Art
2010 ‹Podwórka›, The Power Plant, Toronto, Ontario, Kanada
2006 ‹Pine Flat›, Walker Art Center, Minneapolis, Museo do Chiado, Lissabon
2000 ‹Teatro Amazonas›, Boijmans Van Beuningen, Rotterdam; ‹Sharon Lockhart›, Kunsthalle Zürich
1998 ‹Goshogoaka Girls Basketball Team›, Friedrich Petzel Gallery, New York; Wako Works of Art, Tokyo

Gruppenausstellungen (Auswahl ab 2006)
2014 ‹Time Present›, Singapore Art Museum, Singapur
2010 ‹Auto-Kino!›, Temporäre Kunsthalle Berlin
2006 ‹Zones of Contact›, Biennale Sydney
1998 ‹Sightings: New Photographic Art›, Institut für Gegenwartskunst, London
1993 PS1, Long Island City, NY
Filmscreenings (Auswahl)
2010 ‹Podworka›, MoMA's International Festival of Nonfiction Film, MoMA, New York
2009 ‹Lunch Break›, Copenhagen International Documentary Film Festival, Kopenhagen;
2006 ‹Pine Flat›, Sundance Film Festival, Park City
1998 ‹Goshogoaka›, Internationales Film Festival Stockholm



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Sharon Lockhart [28.02.15-21.06.15]
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Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Sharon Lockhart
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