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Fokus
5.2015


 Josef Helfenstein ist kühn. Mit der Ausstellung ‹Experiments with Truth: Gandhi and Images of Nonviolence› liefert der Kurator ein kom­plexes Argument für eine erweiterte ästhetische Ordnung. Ausgangspunkt ist der Pazifist und Revolutionär Mahatma Gandhi, dessen gewaltloser Kampf unter anderem zur indischen Unabhängigkeit führte und die Welt bis heute prägt.


Experiments with Truth - Ästhetik der Gewaltlosigkeit


von: Carin Kuoni

  
links: Unbekannter Fotograf · Ein Teil von Gandhis materiellen Gütern, ca. 1948-50, Courtesy James Otis/GandhiServe
rechts: Theaster Gates · Hose for Fire and Other Tragic Encounters, 2014. Feuerwehrschlauch und Holz, 244,5x140,3x21,6 cm


In der Ausstellung ‹Experiments with Truth› konzentriert sich Josef Helfenstein, Direktor der The Menil Collection Houston, auf das Wirken von Mahatma Gandhi (1869-48) und postuliert, dass sich hier die Umrisse einer Ästhetik der Gewaltlosigkeit abzeichnen. Laut Helfenstein manifestiert sich diese Ästhetik in verschiedenen Sparten - im Dokumentarischen sowie im Künstlerischen, im Konkreten wie im Metaphorischen - und steht dadurch in direktem Austausch mit Fragen des Politischen, des Philosophischen und des Geistigen. Wie Harald Szeemann in der Ausstellung ‹Der Hang zum Gesamtkunstwerk› von 1983 vertraut auch Helfenstein die Beweisführung vor allem den rund einhundertfünfzig Exponaten an (in Genf sind es knapp einhundert Werke). Und wie dieser holt auch er die psychedelischen Weltdarstellungen des Rot-Kreuz-Gründers Henry Dunant aufs Parkett. ‹Experiments with Truth› ist als öffentliche Arena konzipiert, in der brennende Fragen zu Ethik und Verantwortung, zu Gewalt, Krieg und Frieden unter den Objekten ausgefochten werden. Im Bestreben, die Besuchenden als mündige Partner/innen anzuerkennen, werden didaktische Erklärungen nur ­spärlich geliefert. Und so leuchten einem die Werke eher unvermittelt in ihrer ganzen Offenheit, Unabhängigkeit, Vielfalt und oft betörenden Schönheit entgegen.
Wie schon bei Szeemann kommen die Objekte aus ganz verschiedenen Kulturkreisen. Zeitgenössische Kunst ist mit grossartigen Werken von Suzan Frecon, Shilpa Gupta, Amar Kanwar, William Kentridge, Zarina und acht weiteren Künstlern/innen vertreten; Dokumentarfotografie durch Margaret Burke-White, Henri Cartier-Bresson und Danny Lyon. Alltägliche Gebrauchsobjekte finden ebenso Eingang in die Ausstellung wie spirituelle Hilfsmittel, Büsten von Buddhas oder Jain- und Hindu-Göttern, griechische Ikonen oder Radierungen mit christlichen Sujets von Rembrandt van Rijn.
Helfenstein hat sich Freiheiten genommen, die dem heutigen hochprofessionalisierten Kurator/innen-Berufsstand eigentlich kaum mehr zugebilligt werden. Mit feinem Auge feilt er ein wunderschönes Argument, dessen logische Umrisse allerdings verschwimmen. Die Ästhetik der Gewaltlosigkeit setzt er in der Dialektik zwischen Abstraktion und Dokument, zwischen Repräsentation und Handlung, zwischen Glaubenstraditionen und Geschichtlichkeit an. Das Resultat ist ein radikales Plädoyer für die Mündigkeit von Objekten, die losgelöst von unseren herkömmlichen Ordnungsystemen im freien Austausch miteinander vor allem sinnlich erlebbar sind.
Im Katalog fragt Helfenstein: «Gibt es eine Ästhetik der Gewaltlosigkeit? Wenn ja, dann müssen ihre verschiedenen Manifestationen sehr unterschiedlich sein. Die Ausstellung versucht, einige dieser verschiedenen visuellen Ausdrücke zu zeigen, die sich voneinander durch Zeit, Stil, Kultur, religiöse Glaubenssysteme, ebenso wie Medium und technische Ausführung unterscheiden und von Künstler/innen über mehr als fünfzehnhundert Jahre [...] hinweg eingesetzt wurden.» (Katalog S. 34)
Der Blick durch die Gandhi-Brille ist der anregende Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen zu einer Ästhetik der Gewaltlosigkeit, die nach diesem verführerischen Auftakt jetzt nach soliden Argumenten und präzisen Kriterien verlangen. Als erster Schritt in diese Richtung ist es wertvoll, ‹Experiments with Truth› nun in Genf im einzigen Museum der Welt erleben zu können, das sich ausschliesslich humanitären - gewaltlosen - Themen widmet.
Im Vorfeld dazu habe ich Helfenstein anlässlich der Ausstellungspräsentation in Houston nach dieser Ästhetik der Gewaltlosigkeit gefragt.

Interview mit Josef Helfenstein - Gewaltlosigkeit assoziativ visualisieren

Kuoni: Es ist ja interessant, dass die Ausstellung etwas thematisiert, das sich entzieht. Wir können festlegen, was Gewalt ist, aber das Gegenteil von Gewalt ist nicht so klar. Was ist diese Nicht-Gewalttätigkeit? Und besonders kompliziert wird es, wenn Kunstwerke beigezogen werden. Es ist ja nicht klar, wie ein Werk ­eine Position einnehmen würde, ob nun für oder gegen Gewalt. Das macht die Ausstellung so anspruchsvoll, so vielschichtig.

Helfenstein: Ja, das fängt mit dem Thema an. Gewaltlosigkeit ist ja eine Idee, kein Bild. Es ist ein Konzept, das nur schwierig, eher assoziativ zu visualisieren ist. Was ich versuchte, war, das Konzept sowohl in kulturell-religiöser Hinsicht als auch dokumentarisch und zeitgeschichtlich mit hervorragenden Beispielen auszuleuchten. Das hat sehr lange gedauert, denn ich bin weder ein Spezialist nichtwestlicher Kunst noch Religionswissenschaftler oder Anthropologe. Ich habe zum Beispiel sehr lange überlegt, wie Gewaltlosigkeit aus islamischer Sicht dargestellt werden kann, welche Ikonografien es in der christlichen Kunst, im Buddhismus, Jainismus oder Hinduismus gibt. In ungezählten Gesprächen mit vielen Spezialist/innen und vor allem auch Kunstschaffenden schälten sich gewisse thematische Stränge heraus. Einerseits die Idee der Barmherzigkeit, die Pflege von Kranken und Verwundeten, eine ethische Grundhaltung, die in jeder Religion akzeptiert wird. Dazu gibt es ja in der Kunst grossartige Beispiele, so wie Rembrandts ‹Hundert Gulden›-Radierung.
Andere thematische Schwerpunkte sind Einfachheit, Askese oder Enthaltsamkeit. Dafür ist das fotografische Stillleben mit den letzten Objekten, die Gandhi zum Zeitpunkt seiner Ermordung besessen hat, ein gutes Beispiel. Die Objekte in dieser sorgfältig konstruierten Fotografie - zwei Paar Sandalen, Schreibutensilien, ein Buch, ­eine Brille, eine Uhr, zwei Essschalen und eine kleine Skulptur - haben eine rätselhafte Aura und können Geschichte erzählen, obwohl die zugehörige Person gar nicht mehr da ist. Andere Themen im Zusammenhang mit Gewaltlosigkeit sind Grosszügigkeit und Toleranz, Grundwerte einer ethischen Lebenshaltung, die seit der Französischen Revolution auch in westliche Staatskonzepte einflossen. Rückzug, erzwungen oder selbst gewollt, ob als politischer Gefangener oder Asket, ist ein anderes Thema. Robert Gobers Installation eines Gefängnisfensters, ‹Untitled›, 2003-2007, evoziert die Bedeutung des Gefängnisses für ungezählte Freiheitskämpfer/innen. Gandhi, Martin Luther King Jr., Nelson Mandela oder Aung San Suu Kyi stehen stellvertretend für Unzählige, deren Namen wir nicht kennen.
In der Ausstellung gibt es inhaltliche Gegenüberstellungen wie eine Buddha-Statue mit fehlendem Kopf, die neben einem Video des unbekannten Mannes gezeigt wird, der sich 1984 in der Nähe des Tiananmen Square in Peking gegen die Panzer der chinesischen Armee stellte. Dann gibt es formale Resonanzen, Beispiele abstrakter Malerei des Westens und Ostens, Agnes Martin im Dialog mit Zarinas goldenem ‹Vorhang› aus Bambusfragmenten. Barnett Newmans ‹Be I›, 1949, kann man neben einen Buddha setzen, beide vereint durch die Symbolik der Vertikalen, des Stillstands. Aber ich bin mir natürlich bewusst, wie gross die Gefahr der Übersimplifizierung ist. Darum dauerte die Arbeit an diesem Projekt ja auch so lange! [lacht]

Kuoni: Du sagst im Katalog, dass es bei Non-Violence nicht um Passivität geht.

Helfenstein: Ja, das war eine grosse Herausforderung, das dialektische Verhältnis zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Gewaltlosigkeit setzt Mut voraus, ziviler Widerstand ist nie passiv. Das Objekt von Theaster Gates ist ein gutes Beispiel dafür. Da wird ein Material - entsorgte Wasserschläuche der Feuerwehr -, das während der amerikanischen Kämpfe für die Zivilrechte der Schwarzen in den Sechzigerjahren immer wieder brutal gegen die schwarze Bevölkerung eingesetzt wurde, zu Kunst gemacht, Kunst, die trotz einer geschichtsfremden «Schönheit» die hässlichen Wurzeln der Gewalt noch immer birgt. Und das ist genau der kritische Punkt. Darum auch Yves Klein mit seinem Werk ‹Hiroshima›, ca. 1961, ein leuchtend blaues Gemälde, das aber einen der gewaltsamsten Akte der Geschichte verkörpert.
Als Museen haben wir die Tendenz, Objekte zu homogenisieren. In der Ausstellung geht es nicht um ein rationales Argument, sondern um assoziative, sorgfältig erarbeitete Gegenüberstellungen, welche die verborgene Energie der Objekte zum Vorschein bringen. Ein Objekt wie das gezeigte Ochsenjoch kann beispielsweise als Symbol für Unterdrückung interpretiert werden oder aber als Beispiel für Gandhis Interesse an Handarbeit und seinen Kampf gegen die Zerstörung indischer Dorfkultur. Objekte sind immer mehrdeutig lesbar.
Hier an der Menil Collection haben wir ein möglicherweise naives Vertrauen in die Kraft des Kunstwerks; das hängt mit der Gründungsgeschichte und unserer Ausstellungsphilosophie zusammen. Es gibt fast keine erläuternden Texte bei uns. Die Kunst wird sehr ernst genommen und unter bestmöglichen Bedingungen ausgestellt, sie wird nicht erklärt und damit möglicherweise bagatellisiert. Ich glaube in diesem Sinn eher an aktive Besucher und Besucherinnen, die auf Entdeckung aus sind - Poesie statt Pädagogik.

Kuoni: Ich möchte dich gerne nach der besonderen Qualität des Visuellen fragen. Amar Kanwar schlägt in einem der Hefte zu seiner Installation ‹The Sovereign ­Forest› vor, «vielleicht können wir wieder verstehen lernen, wenn wir wieder ­sehen lernen.» Er beschreibt, wie er - nachdem er jahrelang die brutalste Unterdrückung der Bauern im indischen Odisha beobachtet hatte - die Notwendigkeit erkannte, keine Kunst mehr zu machen, sondern «Sehen» zu lernen. Ist Sehen wichtiger als andere Sinne?

Helfenstein: In dieser Ausstellung vermutlich nicht, Ton und Klang sind sehr präsent. Amar Kanwars zweites gezeigtes Werk, ‹A Season Outside›, 1997, ist für mich eine sehr wichtige Arbeit, ein Film-Gedicht, bei dem Klang und Bild eng verknüpft sind. Aber Klang kann natürlich auch durch Stille evoziert werden, so wie in Kim Soojas Werk, in dem Klang gerade durch das Fehlen von Ton thematisiert wird. Wieder anders ist es in William Kentridges Film-Projektionen, in denen der Sound unglaublich raffiniert ist.
Die Nicht-Eindeutigkeit des Visuellen kommt auch im Titel zum Ausdruck. ‹Experiments with Truth› suggeriert, dass «Wahrheit» sich auf vielfache Weise manifestieren kann. Das finde ich auch interessant an Gandhis Autobiografie, dass die Frage nach Wahrheit dauernd wiederholt wird, dass er obsessiv darum ringt, «wahrheitsgetreu», d.h. gewaltlos zu leben. «Experiment» gefällt mir als ein Grundprinzip von Offenheit. Die Suche nach Wahrheit ist insofern nichts anders als der forensische Vorgang, ein Verbrechen aufzudecken: Dokumente sind entscheidend und ebenso Evidenz. Ich glaube oder hoffe jedenfalls, dass die Ausstellung viel Material beinhaltet, anhand dessen man auf verschiedene Weise wichtige Fragen stellen kann.
Carin Kuoni ist Leiterin des Vera List Center for Art and Politics, The New School, New York. Im Januar 2015
präsentierte sie in Mexico City SITAC XII: ‹Arte, justamente | Just Art›. kuonic@newschool.edu


Bis: 03.01.2016



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Gandhi und die Kunst der Gewaltlosigkeit [15.04.15-03.01.16]
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Institutionen Musée Croix-Rouge et Croissant Rouge [Genève/Schweiz]
Autor/in Carin Kuoni
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