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Fokus
5.2015


 Peter Stoffel malt. Für das Künstlerporträt posiert er klassisch: vor der Leinwand, Pinsel in Griffnähe, Farbspuren auf den Kleidern. Es geht um die Organisation der Oberfläche. Doch die Arbeiten haben Tiefgang, sind Unruhezustand. Auch politisch. Denn sie reflektieren Landnahme und Leerstellen sowie die Aggregatszustände zwischen stetem Verfestigen und Verflüssigen, zwischen Druck, Explosion und Entspannung.


Peter Stoffel - Abseits der Wege Welt finden


von: Ursula Badrutt Schoch

  
links: Brunhild, 2015, Öl auf Leinwand, 258x218 cm
rechts: Rorschach Nord, 2003, Collage, Lamda Print, 193x115 cm


Er erzählt vom Erbrecht in den Walliser Bergen und wie er über seine Bergbauern-Verwandtschaft die unendliche Teilung der Landschaft in kleinste Äcker und Felder, Wiesen und Gärten erlebt hat. Er erzählt, wie sein Denken organisiert ist, durch die Landschaft des Appenzellerlandes, aus dem er kommt, samt ihren Schichten, Ab­lagerungen, Faltungen, Brüchen, Erosionen.
Solche leibhaftigen Strukturen tauchen in seinen Malereien als Bilderlebnis auf. Zellteilungen überziehen die Fläche, Schichten verdecken Schichten, drücken empor, formen Wellen, brechen auf, tauchen ab. Das Lokale verbindet sich mit dem Globalen, der Blick pendelt zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, Distanz und Nähe, zwischen Tiefenbohrung und Satellitenaufnahme. Das Wogen und Wellen, Aufsteigen und Fallen in den raumgreifenden Malereien kommt Rauscherlebnissen gleich. ‹Snow Crash II› heisst eines der grossen Gemälde, und es referiert auf ein Naturerlebnis, auf die Entspannung der Schneedecke durch einen Lawinenniedergang, gleichzeitig auch auf den Science-Fiction-Roman von Neal Stephenson und die gleichnamige Droge. Werktitel sind bei Stoffel so wichtig und präzis wie spielerisch und assoziativ gesetzt. Sie sind eine Art Indiz, so auch bei ‹Rorschach Nord› von 2003, wobei mit zum Spiel gehört, dass Indizien auch auf falsche Fährten führen können.

Rorschach Nord
Zwischendurch tauchen beim Betrachten von ‹Rorschach Nord› Yves Kleins Anthropométrien in der Erinnerung auf. Was haben die hier verloren? Das Format von ‹Rorschach Nord› entspricht menschlichen Dimensionen, lässt an Herz und Hüfte, Lungen und Leben denken. ‹Rorschach Nord› setzt sich zusammen aus allen im Jahr 2002 öffentlich zugänglichen NASA-Bildern der nördlichen Hemisphäre. Es ist die Zeit vor Google Earth, die US-Weltraumbehörde NASA eignet sich seit den Sechzigerjahren die Welt mittels Satellitenbildern an. Es ist Landnahme in der vierten Dimension. Peter Stoffel arbeitet mit jenen Bildern, die bis dahin niemand haben wollte. Alle Bilder nämlich, die verkauft sind, verschwinden von der Bildfläche. Viele sind im Besitz von Bill Gates. Die verbleibenden Satellitenaufnahmen montiert der Künstler zur Collage und spiegelt das Puzzle am Äquator. Somit entsteht eine Form, die an den vom Psychiater Hermann Rorschach zur Diagnose von psychischen Erkrankungen entwickelten Test erinnert und die der Arbeit den Namen gibt. ‹Rorschach Nord› ist die Fratze des reichen Nordens, gebaut aus Erkenntnissen der Forschung im Dienst der Erschliessung der Welt. Das Pendant-Bild ‹Rorschach-Süd› gibt es auch, es existiert aber nur in der Vorstellung, als Projektion und Fantasie.
‹Scenes From Every Land› fand Stoffel auf dem Flohmarkt. Die fotografischen Bilder darin sind von den Seiten entfernt, mit dem Cutter ausgeschnitten. Zurück bleiben leere Seiten. Und die Bildunterschriften. Daraus baut Stoffel 2007 ein intaktes Buch, ein Faksimile der Leerstellen, welche wie Rückerstattungen einstiger Eroberungsfeldzüge die Bezeichnungen von ‹Alaska› und ‹Anakonda› bis zu ‹Heiratsstuhl aus Peking› freigeben. Unangetastet vom Schneidmesser blieb das Haus der National Geographic Society in Washington D.C., das bis zur letzten Seite über allem sichtbar bleibt. Leerstellen stehen dem Bedürfnis nach Überblick, Hoheitsrecht und Kontrolle entgegen und stärken die Vorstellungskraft.
Die konzeptuell ausgerichteten Arbeiten ‹Rorschach Nord› und das Künstlerbuch ‹Scenes From Every Land› (mit einem Textbeitrag von Tirdad Zolghadr) sind zwar ­ältere Arbeiten, entstanden aus fotografischem und vorgefundenem Material. Doch sie stehen sowohl im Ansatz wie im Resultat in enger Beziehung zu den Malereien. Ihnen widmet das Kunstmuseum Solothurn als erste museale Institution eine Ausstellung von retrospektivem Ausmass, begleitet von einem umfassenden und textlich vielschichtigen Katalog.
Wer in den Malereien nach kunsthistorischen Verortungen sucht, findet viel und sucht vergeblich. Viel eher gibt es eine Landung in der Philosophie. Oder in der Mathematik. In jüngster Zeit hat sich der Künstler intensiv mit Fraktalen beschäftigt, mit der Selbstähnlichkeit von Gebilden in der Natur wie Bäumen, Bergen, Broccoli, Küstenlinien. Sein ‹Fraktaler Baum› in Öl auf Papier kündet davon und ist gleichsam eine Anleitung zur Betrachtung der stets über den Bildrand hinauslaufenden Malereien. Stoffel versteht sein gesamtes Schaffen als Teil einer Karte, die alles umfasst. Die aber auch praktisch nichts umfasst, da sie sich der Unendlichkeit nähert. Die fraktale Geometrie enttarnt die traditionelle Geometrie als Machtwissen, die fraktale Struktur entspricht eher der Struktur der Erde. Dieses vorsätzliche Sich-Annähern im Wissen um die Unerreichbarkeit, die Ungenauigkeit im Dienste der Präzision sind Stoffels Aufgaben, denen er sich malend stellt.

Über die Nordwestpassage

Es geht auch um das Freigeben von Herrschaftsansprüchen, das Aushalten von Ungewissem. Der Blick von oben in die Weite der Landschaft, aus der Seilbahn, vom Gipfel, aus dem Flugzeug, es ist der Blick auf die Oberfläche. Darunter brodelt es. Die Landnahme lässt sich nicht halten. Zentrum und Zentralperspektive sind aufgehoben. Die Erbteilung in den Walliser Bergen geht weiter. Unendlich. Gleichzeitig öffnen sich Leerstellen, drängen nach oben oder fallen nach unten. Erst haben wir diesen Überblick, handkehrum sind wir darin verloren.
Es ist die Nordwestpassage. Der Titel der Solothurner Ausstellung ist der Titel von Michel Serres Hermes V (Merve Verlag 1994). Mit dem ehemaligen Seefahrer und Philosophen verbindet Stoffel einiges. «Ich suche die Passage, die von der exakten Wissenschaft zur Wissenschaft vom Menschen führt. Oder - bis auf die Sprache oder die Kontrolle - von uns zur Welt», schreibt Serres im ersten Kapitel. Wie Serres rekurriert Stoffel auf das Vokabular der Natur. 2011 ist ‹Preparing the Northwest Passage› entstanden, eine zwölfteilige, unterdessen auf verschiedene Standorte verstreute, für die Ausstellung aber vereinte Arbeit, die einen Eindruck gibt von der Vielfalt des ­Weges. Oder, in seinen Worten: «In meinen Bildern versuche ich, Abbild und Abstraktion, Wissenschaft und Poesie, Oberfläche und Tiefenstruktur, das Lokale und Globale zu verbinden, das ist für mich diese Reise durch die Nordwestpassage. So kommt man von der Urfalte zur Mannigfaltigkeit.» Seit der Vorbereitung der Nordwestpassage ist Stoffel ein Stück weitergegangen. Einige grosse Formate sind dazugekommen, jüngst ist ‹Brunhild› fertig geworden, auch die fünfteilige Serie ‹57 Wörter für Schnee›.
Wie für Serres wird auch für Stoffel die Nordwestpassage, dieser Übergang zwischen Packeis, Treibeis, Eisbergen vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean zur Metapher, zum Bild der komplexen Verbindungen und Verhältnisse von Raum, Zeit, Farbe und Form. Die Fahrt ist schwierig, die Wege sind mal offen, mal versperrt, unendlich voll von Umwegen, ein Weg wie ein Fraktal. Stoffel ist Zenon, der weise Grieche, der sich um 450 v.Chr. mit dem Verhältnis von Raum, Zeit und Bewegung beschäftigte und zu verschiedenen Paradoxien gelangte. Der Künstler hat ihm in ‹Beauty came to us in stone› ein Bild gewidmet, den Steinkopf; zwischen ‹Urknall› und ‹Wasserfall› platziert. In Michel Serres' Nordwestpassage macht sich ebendieser Zenon auf von Athen nach Elea oder auch durch die Nordwestpassage, oder durch eine Landschaft von Stoffel. Er kommt nie an, das Fraktale der Landschaft hindert ihn, er kommt vom Hundertsten ins Tausendste und er sagt: «Vielleicht bin ich fern von meinem Ziel, aber das macht nichts. Denn ich glaube, ich bin nicht mehr allzu fern vom Realen.»
Ursula Badrutt, Kunsthistorikerin, Leiterin Kulturförderung Kanton St.Gallen, Redaktorin ‹Obacht Kultur› ­Appenzell Ausserrhoden, ursula.badrutt@sg.ch
mit Publikation


Bis: 14.06.2015


Peter Stoffel (*1972, Herisau AR), lebt in Genf
1999-2001 Studium an der Ecole supérieure d'art visuel (ESAV), Genf
2000-2008 Gründung des artist-run space planet 22 in Genf, mit Solvej Dufour Andersen
2002 Gründung Appenzell Biennale, mit Emanuel Geiser und Christiane Rekade

Einzelausstellungen ab 2010 (Auswahl)
2010 ‹Beautycametousinstone›, lange+pult, Zürich; ‹Themoon, the king and the dust›, De Zaal, Delft
2011 ‹Supermahlstrom› (mit Dirk Meinzer), message salon, Zürich
2013 ‹Preparing the Northwest Passage›, Lightbox und Bridge Gallery, Yas Viceroy, Abu Dhabi
2014 ‹aus dem Zentralmassiv› (mit Rolf Graf), Kunstverein Oberwallis



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Peter Stoffel [07.03.15-14.06.15]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Ursula Badrutt Schoch
Künstler/in Peter Stoffel
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