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Ansichten
5.2015


 Eine mit Kreisen und Quadraten bedeckte Fläche, Grüntöne dominieren, durchsetzt mit hellem Gelb. Die vertikale Bildachse ist um einige Grad gegen den Uhrzeigersinn gedreht und wird von einer diagonal verlaufenden Linie durchschnitten, als könne es endlos so weitergehen: Big Picture Agriculture.


Ansichten — Big Picture Agriculture


  
Crop Circles in Kansas, 2001. Foto: NASA/GSFC/METI/ERSDAC/JAROS and U.S./Japan ASTER Science Team


Ein Bild wie von Vasarely, der einmal gesagt hat, Schaffen heisse nicht, «die Natur nachahmen, sondern ihr gleichkommen und sie sogar mittels einer Erfindung, deren unter allem Lebenden nur der Mensch fähig ist, übertreffen». Wo ist die Erfindung hier? Das Bild zeigt industrielle Landwirtschaft: standardisiert, für Maschineneinsatz optimiert, angetrieben von fossilen Energien - ein rationalistisches Modell im Sinne der Moderne, das sich weltweit ausbreitet. Dort, wo die ‹crop cycles› aufgenommen wurden, in Kansas, dem «Brotkorb der Nation», wird auf ein riesiges Grundwasser­reservoir zurückgegriffen, weil der natürliche Niederschlag nicht ausreicht. Karussellbewässerung zeichnet Kreise, die selbst aus dem All noch wahrnehmbar sind.
Schon Anfang des 20. Jahrhundert wurden die Prärien des amerikanischen Westens für die Landwirtschaft entdeckt: weite Flächen, die gut mit Maschinen zu bearbeiten sind. Doch in den Dreissigerjahren, zur Zeit der Grossen Depression, baute sich in Teilen der Grossen Ebenen eine mehrjährige Dürre auf. Mit gigantischen Staubstürmen, die den erodierten Boden bis nach New York City trugen. Um ihre Existenz gebracht, verliessen die Siedler in einem Exodus das Land und zogen weiter nach Westen. Als Dust Bowl ist diese Naturkatastrophe in die Geschichte eingegangen - und mit den berühmten Schwarzweissaufnahmen von Walker Evans, Dorothea Lange oder Arthur Rothstein, die im Auftrag der Farm Security Administration unterwegs waren, in unser visuelles Gedächtnis. Heute halten nicht nur Fotograf/innen etwas fest, heute ­registrieren auch Nicht-Autor/innen wie der NASA-Erdbeobachtungssatellit Terra, wie sich die Erde durch den menschlichen Eingriff verändert.
Doch so grün, wie es auf diesem Ausschnitt scheint, ist es in der Realität nicht. Denn die Falschfarbenaufnahmen des ASTER-Radiometers sind weniger Abbild denn Analyseinstrument. Und so erfahren wir aus den zusammengetragenen Daten dieser und ähnlicher Aufnahmen mehr, als das Auge erkennen kann: dass der Pegelstand des unterirdischen Wasserreservoirs sinkt, das Klima trockener wird. Sich diesen Bildern nur ästhetisch hinzugeben, greift zu kurz. Es ist nicht mehr die Erhabenheit von überwältigender Naturschönheit, die uns hier gegenübertritt. Was wir wahrnehmen, ist das Verschwinden der Grenze von Natur und Kultur. Damit sind Auswirkungen verbunden, denen wir uns nicht entziehen können. Das alles ist menschengemacht. Hätte Vasarely daran Gefallen gehabt? Heute ist es Anlass zur Sorge.
Miriam Wiesel, Berlin. Redaktorin, Lektorin, Mitbegründerin ‹Institut zur Entwicklung des ländlichen
KulturRaums› und Initiatorin ‹Kreuzberger Salon›, Gastdozentin ZHdK (im SS 2015). mwiesel@t-online.de



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Ausgabe 5  2015
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