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Editorial
5.2015




Küssen und geküsst werden


  
Sharon Lockhart · Audition One, Simone and Max, 1994, Fotografie, C-Print, 124x152,5 cm, Courtesy neugerriemschneider, Berlin


Erwachsenwerden ist zuweilen anstrengend. Mit unserem Denken, Fühlen und Handeln leben wir inmitten zahlreicher Spannungsfelder, wir beobachten und werden beobachtet, bestimmen und werden bestimmt. So blicken wir gerne zurück, suchen in Kindern das, was wir jetzt vermissen: Erlebnisse, die uns ohne eigenes Zutun zufallen - Ungeplantes, Überraschendes und Unmittelbares.
Die Aufnahme auf der Titelseite von Sharon Lockhart antwortet genau auf diese Erwartung. Wir beobachten einen Jungen, der ein gleichaltriges Mädchen zu küssen versucht. Nur, die Aufnahme ist nicht, was wir denken - der Schnappschuss eines ersten heimlichen Treffens. Wer den Weg ins Kunstmuseum Luzern findet, steht dort vor fünf ähnlichen Szenen. Zur ‹Audition One›, mit Simone und Max, gesellen sich vier weitere mit unterschiedlichen Kinderpaaren. Doch gerade im Vergleich tut sich ein breites Spektrum von Befindlichkeiten auf. Die Gesten wirken mal scheu und ungelenk, mal selbstbewusst und kühn, mal ist der Junge grösser, mal das Mädchen. Und wir erfahren, dass die jungen Darsteller eine sekundenkurze Episode aus dem charmanten kaleidoskopischen Film ‹L'Argent de poche› von François Truffaut über das Kinderleben in einer französischen Kleinstadt nachspielen.
Einige Räume weiter stossen wir auf einen Satz des polnischen Pädagogen Janusz Korczak: «Kinder sind nicht die Leute von morgen, sondern die Leute von heute und ihre Seelen enthalten die Samen aller Gedanken und Gefühle, über die wir verfügen.» Eine kluge Aussage, die nicht nur für Jugendliche gilt. Auch wir Erwachsenen riskieren, in zukunftsfroher Selbstoptimierung das Leben zu verpassen. Das Leben, so wie es sich hier spiegelt, in häufig gleichen Gesten, doch immer neu beseelt von ganz unterschiedlichen Charakteren.



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Ausgabe 5  2015
Autor/in Claudia Jolles
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