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Besprechung
5.2015


Markus Stegmann :  In einer kleinen, aber präzisen Ausstellung gibt das Museum Franz Gertsch Einblick in die jüngsten Arbeiten von Gabi Hamm. Wo steht die figurative Malerei heute und was kann sie trotz ­aller Verformungen während des 20. Jahrhunderts immer noch oder wieder neu in der Vorstellung der Betrachtenden auslösen?


Burgdorf : Gabi Hamm - Im hintersten Winkel des Ichs


  
Gabi Hamm · Ohne Titel, 2010, Öl auf Baumwolle, 47x32 cm


Die kleinformatigen Figurenbilder von Gabi Hamm (*1956, Stuttgart) ­zeigen grösstenteils weibliche Personen in unbestimmter räumlicher Umgebung, modelliert aus den Hell-Dunkel-Wirkungen eines magischen Lichts, geheimnisvoll der Zeit enthoben. Die Körperhaltung der Figuren - oftmals nur geringfügig von denen des Alltags abweichend - erzählt als physische wie psychische Geste von der Einsamkeit und Zerbrechlichkeit des Ichs, von multiplen Verzweigungen seiner Identität, von seismographischen Empfindungen und dies, ohne dass plakativen Attributen oder einer Ausgestaltung der Räume narrative Funktionen zugewiesen würden.
Das erstaunlich stoffliche Licht moduliert Gesichter und Körperteile, «wäscht» sie gewissermassen aus der flüssigen Farbe heraus und lässt eine Atmosphäre suggestiver Magie entstehen. Gelegentlich führen Be- und Hinterleuchtung der Figuren zu bühnenartigen Wirkungen, jedoch nicht mit grosser theatralischer Geste für ein Publikum, sondern ganz im Gegenteil, zurückgezogen im stillen, privaten Zimmer, im hintersten Winkel des Ichs. In den titellosen Werken wird ganz offensichtlich nicht gesprochen, doch zeigt sich in Körperhaltung und Gesichtsausdruck ein selbstversunkenes Denken, das sich - wenn wir den Bildern nahe genug sind - zu übertragen scheint. Nicht dass wir Teil eines Dialogs mit den Figuren würden, sondern der Fluss der Denkbewegungen springt auf uns über, indem Fragen nach dem eigenen Woher und Wohin unwillkürlich Bestandteil der Wahrnehmung werden. In diesem Sinn münden die Bilder - so kleinformatig und intim sie sind - in einen bemerkenswerten Vorstellungsraum, der dem Ich überraschende Möglichkeiten der Reflexion seiner selbst eröffnet. Eine Installation aus zahlreichen, vasenförmigen Gebilden ergänzt die ­Malerei und transformiert die Figuration spielerisch in ein anderes Medium.
Auch wenn der figurativen Malerei gelegentlich (immer noch) ideologisch geprägte Vorbehalte entgegenschlagen, tief verwurzelte Nachwehen des vergangenen Jahrhunderts, zeigen Kunstschaffende wie Gabi Hamm, was in diesem Genre an Erkenntnispotenzial steckt und in einer Zeit zunehmender digitaler Abnutzung und visueller Überreizung neu zutage tritt. Dass ihre Malerei gelegentlich verwandtschaftliche Bezüge zur Malerei alter Meister aufweist, ist vor diesem Hintergrund kein Zufall. In einer unbefangenen Neusichtung vergangener Epochen liegt mancher Zündstoff, zumal in einer Gegenwart, die alles zu kennen und zu wissen glaubt.

Bis: 28.06.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Gabi Hamm [07.03.15-28.06.15]
Institutionen Museum Franz Gertsch [Burgdorf/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Gabi Hamm
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