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Besprechung
5.2015


Alice Henkes :  Jonathan Delachaux arbeitet kontinuierlich an einem Kunst­kosmos, der von drei fiktiven, doch gleichwohl plastisch vorhandenen Figuren belebt wird. Mit faszinierender Konsequenz lässt er in seinen Werken Wirklichkeit und Inszenierung, Leben und Kunst ineinandergreifen.


Genève : Jonathan Delachaux - Naïma, Johan und Arthur


  
Jonathan Delachaux · Slaughter Box, 2015, Acryl auf Leinwand, 3x200x130 cm


Das Zentrum der Schau bildet eine Maquette des Ausstellungsraums. Im ­Innern stehen kleine Figuren und betrachten Porträts von Naïma, Johan und Arthur, fiktiven Freunde des Künstlers. Oder sind es die Bilder der fiktiven Freunde, welche die Ausstellungsbesucher im Kunstraum beobachten? Wenn man Jonathan Dela­chaux (*1976) in den Denkraum folgt, den er mit seiner Kunst anlegt, wird der vermeintlich stabile Boden der Realität schnell unsicher.
Delachaux untersucht in seinem Werk die Frage nach dem Standpunkt von Künstler/innen und Betrachtenden gegenüber der Fiktion. Ausgangspunkt seiner Arbeit sind drei lebensgrosse Plastilin-Figuren, die der Künstler im Alter von 18 Jahren geschaffen hat und die damals 13-Jährige darstellten. Delachaux gab jeder Figur eine Biografie und entwickelte ihre jeweilige Geschichte in den letzten dreissig Jahren weiter. Die Figuren leben, wie Delachaux selbst, in einer Welt, in der Kunst und Fik­tion viel Raum einnehmen. Sie dienen als Modelle für eine immer raffinierter werdende Malerei, welche die Frage nach Vorbild und Abbild, nach Dargestelltem und Gemeintem auf eine technische Ebene überträgt.
Delachaux malt seine Bilder in mehreren Schichten auf Plastikplatten. Anschlies­send presst er eine Leinwand auf die Kunststoffplatte, so dass sich die Malerei auf die Leinwand überträgt. Diese Form der Malerei erinnert an druckgrafische Verfahren und erfordert ein grosses Mass an Planung. Mit den ersten Schichten malt der Künstler die Partien, die später den Vordergrund des Bildes ergeben. Mit der letzten Schicht, dem Hintergrund, deckt er sein eigenes Werk zu.
Verhüllen und Enthüllen von Geschichten, das sind Prozesse, die Delachaux beschäftigen. In seinem Atelier experimentiert er wie ein Alchimist, der Farbe und Leinwand zu ungewohntem Leben bringt. Er arbeitet mit fluoreszierenden Farben, so dass ein verborgener Aspekt der gemalten Szenerie erst bei bestimmter Beleuchtung sichtbar wird. Er gestaltet Bilder, die sich - via Spiegel betrachtet - zu dreidimensionalen Szenen zusammenfügen und dabei verblüffende Details offenbaren. Gelegentlich bittet der Künstler befreundete Autor/innen, die Vitae seiner drei fiktiven Freund/innen weiterzudichten. Manchmal sind die Geschichten auch für ihn selbst überraschend. Eine der Figuren, Vassili, fiel der Fantasie des Autors Arnaud Robert zum Opfer und starb unverhofft in einer Geschichte.

Bis: 23.05.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Jonathan Delachaux [01.05.15-23.05.15]
Institutionen Halle Nord [Genève/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Jonathan Delachaux
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