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Besprechung
5.2015


Feli Schindler :  Im MoMA entzückte sie das New Yorker Publikum mit gigantischen Projektionen und an der Biennale Venedig schockierte sie die Kirchenobern mit nackten Schönheiten. Nun präsentiert ­Pipilotti Rist in einer Retrospektive dreissig Jahre Videoschaffen: ein wunderbarer Blick zurück und durch die Kamera.


Krems : Pipilotti Rist - Welcome on board


  
Pipilotti Rist ·Gnade Donau Gnade, 2013/2015, Installationsansicht Kunsthalle Krems. Foto: Lisa Rastl


Nie war Kunst besser bewacht als in Krems. Denn die Kunsthalle grenzt unmittelbar an die berüchtigte Strafanstalt Stein, in der harte Jungs lebenslang ­einsitzen. Grenzen und Mauern sprengen - ein Ding der Unmöglichkeit? Nicht wenn Pipilotti Rist (*1962) unter dem Titel ‹Komm Schatz, wir stellen die Medien um und fangen nochmals von vorne an› den Ausbruch in die Welt der Fantasie erprobt. So streift die Künstlerin etwa in der Videoarbeit ‹I Couldn't Agree With You More› durch Städte und Einkaufscenter, während sie ihr Antlitz filmt und gleichzeitig paradiesische Szenen auf die Stirn projiziert. Ein Selfie avant la lettre sozusagen, in dem der innere Film wie im richtigen Leben der äusseren Realität zuwiderläuft.
Rist leistete durchwegs Pionierarbeit: So kombinierte sie in den Achtzigerjahren Bildstörungen mit Slam Poetry, noch bevor Letztere so benannt wurde. Eine Trouvaille ist in dieser Beziehung zweifellos der mit Muda Mathis produzierte, selten gezeigte Einkanalfilm ‹Japsen›. Insgesamt zieht die Rheintalerin in Krems alle Register. Sie lässt in Schlüsselwerken wie ‹Homo Sapiens Sapiens› oder ‹Sip My Ocean› Wasser, Erde, Blumen, Blätter, Körperteile und Menstruationsblut Revue passieren. Und zur Freude der Besucher/innen zertrümmert in ‹Ever Is Over All› die Frauenfigur im blauen Kleid mit einem Blumenstängel reihenweise Autofenster. Der beschwingte Befreiungsschlag ist ein Dauerbrenner. Die Lust liegt bei Rist aber auch im Detail, da etwa, wo im ‹Kremser Zimmer› die endoskopische Reise durch den menschlichen Darm aus einem Medizinalschränkchen lugt. In diesem eigens für die Ausstellung entstandenen Raum gruppieren sich Tisch, Ehebett, Vasen, Chaiselongue und Tapeten zur gemütlichen Wohnstube, auf dass sich Sterne über ein Duvet oder Körperteile über ein Sideboard ergiessen. Den Schlusspunkt auf dem chronologisch angelegten Parcours mit über dreissig Arbeiten setzt die jüngste Videoinstallation ‹Gnade Donau Gnade›. Abtauchen in schäumendes Wasser oder braune Scholle, saftiges Grün und gegerbte Hände. Pipilotti Rist ist auf den Mann in der Natur gekommen.
Kurzum, wer mit fremden Menschen in videobespielte Handtäschchen guckt oder über den kecken Unterhosenleuchter schmunzelt, erfährt das von Rist postulierte Gemeinschaftserlebnis. «Welcome on board with destination to nowhere», begrüsst irgendwo eine Flight Attendant die Passagiere und lässt ein Baby den Steuerknüppel übernehmen. Mut zum Risiko in allen Lebenslagen. Wie wunderbar.

Bis: 28.06.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Pipilotti Rist [22.03.15-28.06.15]
Institutionen Kunsthalle Krems [Krems/Österreich]
Autor/in Feli Schindler
Künstler/in Pipilotti Rist
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