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Besprechung
5.2015


Françoise Theis :  Der belgische Künstler Vincent Meessen tritt in seiner ersten Ausstellung in der Schweiz mit einem grossen Abwesenden auf: In einer vielschichtig konzipierten Schau präsentiert er die ­Arbeiten auf Papier des vor einem halben Jahrhundert verstorbenen kongolesischen Künstlers Thela Tendu


Basel : Vincent Meessen/Thela Tendu - Vielschichtige Fährten


  
Vincent Meessen/Thela Tendu · Patterns for (Re)cognition,2015, Installationsansicht Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger


Thela Tendu (ca. 1890- ca. 1960) hat im ehemaligen Belgisch-Kongo ein faszinierendes Werk mit Aquarell und farbiger Tusche auf Papier geschaffen, das nun erstmals zu einem umfassenden Auftritt kommt. Tendu arbeitete mit traditionellen Mustern, die aus heutiger Sicht einen anderen, entlarvenden Blick auf eine modernistische Kunstgeschichtsschreibung werfen, denn hier werden Form, Farbe, Abstraktion in einem nicht-westlichen Kontext und fernab «der» Avantgarde verhandelt.
Vincent Meessen (*1971) selbst tritt chamäleonhaft auf: Er ist sowohl Kurator als auch Szenograf, arbeitet kollaborativ und konzeptuell mit dem Architekten Kris Kimpe, der Buchbinderin Muriel Gerhart, dem Grafiker Pierre Huyghebaert und der Soundkünstlerin Aurélie Nyirabikali Lierman zusammen. Als Forscher hat er Filmmaterial und Bücher des französischen Psychologen André Ombredane zusammengetragen, der in den Fünfzigerjahren in Belgisch-Kongo Studien zum «geistigen Niveau» der Einheimischen durchführte. Dazu kommen Audioaufnahmen von Jan Vansina, dem belgischen Historiker und «Vater» der Oral History, sowie rituelle Objekte aus dem Königreich der Kuba aus dem 19. Jahrhundert. Zudem beschäftigt sich Meessen mit der Architektur der Kunsthalle und referiert auf deren Geschichte, indem er sich exemplarisch mit der 1967 dort gezeigten Ausstellung von Paul Klee auseinandersetzt.
Schon allein diese Aufzählung lässt ein Zuviel-des-Guten vermuten und dem ist in gewisser Weise auch so. Doch die Leistung der Schau liegt darin, dass sie zwar vielschichtige Fährten legt, es aber trotzdem schafft, uns nicht zu überfordern. Durch eine geschickte Szenografie werden wir unaufdringlich geleitet und neugierig gemacht. Das bewegte Bild, die Audioinstallation, klare formale Setzungen und eine forschende, fragende Haltung kontextualisieren die Werke von Tendu. Es wird zugleich Kritik an einer westlichen Forschungsgeschichte geübt und ein ästhetisch-körperliches Erlebnis geboten. Dabei wird das Publikum persönlich herausgefordert, denn jeder Einzelne hat die Wahl, den eigenen Interessen nachzugehen.
Meessen zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht als «Künstler» auftritt - oder eher, dass er hier eine nicht-etablierte Art des Kunstschaffens formuliert. Jedenfalls darf man auf ‹Personne et les autres› gespannt sein, so der Titel seines Auftritts an der kommenden Venedig Biennale im Belgischen Pavillon.

Bis: 25.05.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Vincent Meessen, Thela Tendu [13.02.15-24.05.15]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Françoise Theis
Künstler/in Vincent Meessen
Künstler/in Thela Tendu
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