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Besprechung
5.2015


Heidi Brunnschweiler :  Mark Leckey breitet in der Kunsthalle Basel ein ausgekühltes post-digitales Universum aus, in dem der 3D-Drucker den zentralen Schöpfungsakt vollzieht. Die Mischung aus Wunderkammer, anthropologischem Museum, Warendisplay und Gesamtkunstwerk beschwört die Fusion von Menschen und Dingen.


Basel : Mark Leckey - UniAddDumThs


  
Mark Leckey · Monster, 2015, Installationsansicht UniAddDumThs, Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger


Die Erfahrung, dass eine technisch avancierte Gesellschaft durch sprechende Smartphones ein intimes Verhältnis zu Objekten ausbildet, das pagane Vorstellungen mit post-humanen Subjekttheorien verbindet, ist die Grundlage von Leckeys techno-animistischem Arrangement. In dem vom Künstler kuratierten Hybrid begegnen wir heterogenen Artefakten, die bis in die Anfänge der Kulturgeschichte reichen und ihren Ursprung im digitalen Bildarchiv des Künstlers haben: Einbalsamierte ägyptische Katzen, mittelalterliche Alraunwurzeln oder modernste Designervasen in Uterusform werden als Kopien und Schöpfungen des 3D-Druckers präsentiert.
Was zunächst als beliebiges Inventar des post-digitalen Zeitalters erscheint, ist in Bereiche aufgeteilt: Mensch, Maschine und Tier verkörpern als kalt beleuchtete Displayeinheiten die Weltordnung, die es für Leckey mit hybriden Lebensformen zu überwinden gilt. Die Kopie eines Wasserspeiers, der Totenmaske von William Black und des Helms von Doctor Whos Cyberman in der Abteilung ‹Mensch› zeigt den Homo Sapiens als visionäres Kopfwesen, befähigt, Technologie wie handlungsfähige Objekte zu imaginieren. Grundlage der neuen, technisch-organischen Konfigurationen sind Energieversorgung und globale Netzwerke, wie die Abteilung ‹Maschine› mit Strommast- und Computerreplik nahelegt. Dass unser Los «zurück in die Zukunft» heisst, verdeutlicht die Abteilung ‹Tier›. Auf dem Print von Piero di Cosimos ‹The Forest Fire›, 1505, sind hybride Zwitterwesen, Schweine mit Menschengesichtern, zu erkennen. Sie verweisen auf unsere Herkunft und Zukunft als tierähnliche Kreaturen, die ohne Sprache und Erkenntnis, bessere, weil gleichberechtigtere Wesen des Kosmos sind.
In der Abteilung der ‹Monster› findet die Genealogie von Animismus und Maschinenfantasie ihre Aktualisierung: Menschen, Tiere und Dinge werden durch die neuen 3D-Drucker zu zwitterhaften, autopoetischen Wesen verschaltet. Dem Gebot der hybriden Zeugung folgend, hat Leckey eine dreidimensionale Printschöpfung aus Lautsprechern in Form eines Hundetorsos und einer Uterusvase hergestellt. Dass solche Wesen ein höheres Bewusstsein ausbilden sollen, das zukünftig das Überleben unserer Spezies garantiert, wirkt so grotesk wie bedrohlich. Doch die Handlungsmacht der selbstzeugenden Techno-Wesen, die eine Ethik der gegenseitigen Interdependenz zu entwickeln vermögen, bleibt letztlich - und zum guten Glück - Animationsfantasie und kann die moderne Rationalität nicht endgültig überwinden.

Bis: 31.05.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Mark Leckey [06.03.15-31.05.15]
Video Video
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
Künstler/in Mark Leckey
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