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Besprechung
5.2015


Alice Henkes :  Die Genfer Künstlerin Donatella Bernardi bespielt die Kunsthalle Bern als Interims-Kuratorin mit einer assoziationsreichen Ausstellung. Persönliches schwingt in dieser Schau ebenso mit wie die anregende Unruhe des Reisens und die Lust an der ­Entdeckung des Unbekannten.


Bern : Morgenröte - Exkurs ins parasympathische Nervensystem


  
Saloua Raouda Choucair · Inter-Cube, 1970-1972, Plexiglas und Metall


Die Plexiglas-Elemente in Saloua Raouda Choucairs Arbeit ‹Inter-Cube›, 1970-1972, erinnern an optische Gläser und lassen so an die vielen Facetten des Schauens, Wahrnehmens, Erkundens denken. Damit bündelt dieses Objekt die grundsätzlichen Ideen der Ausstellung ‹Morgenröte, aurora borealis and Levantin: Into your solar plexus›, die von der Genfer Künstlerin und Kuratorin Donatella ­Bernardi (*1976) in der Kunsthalle Bern eingerichtet wurde.
Die Kunsthalle ist momentan Niemandsland: Fabrice Stroun hat seinen Direktorenposten im Februar abgegeben. Die designierte Leiterin Valérie Knoll übernimmt das Haus im Mai. Der Stiftungsrat lud Donatella Bernardi ein, das ehrwürdige Haus in der Interimsphase zu bespielen. Sie tut es mit einer Art modernem Kunst- und Kuriositätenkabinett, das voller Heimweh und Fernweh steckt und voller Familiengeschichten. Bernardis Onkel Alfonso nahm in den Siebzigerjahren an Expeditionen in den Nahen und Fernen Osten teil und brachte von diesen Reisen spektakuläre ­Fotografien mit. Eine Bildserie von Ausgrabungen in Anatolien und Syrien hängt wie ein Fries über dem Portal zum Hauptsaal, an dessen Stirnwand ein monumentales Wandgemälde entsteht, das eine Bergsteigergruppe vor Himalaja-Gipfeln zeigt. Das Gemälde von Sara Baldis fusst auf Fotoaufnahmen, die 1975 bei der Besteigung des Dhaulagiri entstanden. Eine Etage tiefer greift Bernardi ins Fotokästchen ihres ­Vaters Luciano. Der Biologe war ebenfalls ein grosser Reisender. Aus Bildern von Landschaften und Pflanzendetails hat sie eine Zweikanal-Präsentation geschaffen, die an das Wechselspiel der Wahrnehmung eines Spaziergängers erinnert, der den Blick mal in die Weite schweifen lässt, mal auf die unmittelbare Umgebung lenkt.
Diesem Muster der Blickwechsel folgt auch die Schau, die einige Überraschungen bietet. Erheiternd ist es, in der Kunsthalle Alpenansichten des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung des Bundesamts für Kultur zu sehen. Ein Highlight sind die ­Arbeiten der libanesischen Künstlerin Saloua Raouda Choucair. In ihren Bildern und Objekten verbindet sie islamische und westlich-moderne Elemente. Die Tate Modern in London hat die fast hundert Jahre alte Künstlerin im vergangenen Jahr für den Westen wiederentdeckt. Bernardi präsentiert ihre Werke gemeinsam mit Arbeiten ihrer Tochter Hala Choucair und führt so das Thema Verwandtschaft weiter, das wie ein Grundbass durch die Ausstellung führt.

Bis: 07.06.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Saloua Raouda Choucair [17.04.13-20.10.13]
Institutionen Tate Modern [London/Grossbritannien]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Saloua Raouda Choucair
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