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5.2015




Digitale Kunst - Projekt des Monats/Curator's Choice - Ways of Something


von: Raffael Dörig

  
links: Ways of Something, Episode 1, Minute #15, Joe McKay, Videostill
rechts: Ways of Something, Episode 1, Minute #13, V5MT, Videostill


John Bergers BBC-Fernsehreihe «Ways of Seeing» von 1972 war ein bahnbrechendes Stück Fernsehgeschichte und einflussreiche Populär-Kunstwissenschaft. Mit marxistischen und feministischen Ansätzen und Benjamins ‹Kunstwerk›-Aufsatz sprach Berger vom Betrachten der Kunstgeschichte im Zeitalter von Kamera und Massenmedien und stellte - ganz dem Zeitgeist entsprechend - der autoritären Kunstwissenschaft die eigene Erfahrung entgegen, exemplifiziert an Kindern, die in einem Caravaggio mehr Wahrheit sehen als ein Experte.
42 Jahre später stolperte die kanadische Netzkünstlerin Lorna Mills auf YouTube über ‹Ways of Seeing› und trommelte Dutzende Künstler/innen verschiedener Generationen zusammen, die mit digitalen Medien arbeiten. Alle bebilderten jeweils genau eine Minute der Fernsehsendung neu. Die Tonspur mit Bergers Stimme bleibt integral bestehen. Das Resultat, ‹Ways of Something›, ist ein grosser Spass voller Aha-Momente. Bergers Kritik aus dem Zeitalter der klassischen Massenmedien lässt sich im Zeitalter digitaler Netzwerke trefflich kommentieren. Da ist etwa Bergers Hoffnung auf Partizipation und das emanzipatorische Potenzial von Medientechnologie. Davon wissen wir heute einiges zu erzählen, gerade auch von den neuen Problemen, neuen Formen von Autorität und Kontrolle im Zeitalter der Warenförmigkeit von privaten Daten und sozialer Interaktion auf Facebook und Co. Dann gibt es Stellen zur Natur des Bildes, die in Zeiten von Photoshop und 3D-Simulation neue Bedeutung bekommen. Wo Berger über die Umdeutung von Bildern im Fernsehen spricht, photoshopped Joe McKay eine Autobahn in ein Bruegel-Bild. Während Berger über die Unbewegtheit als Merkmal des Gemäldes spricht, sehen wir eine 3D-Skulptur der Künstlerin V5MT, durch die sich eine virtuelle Kamera in spezifischer Langsamkeit bewegt. Die zweite Episode widmet sich kritisch dem männlichen Blick auf den weiblichen Körper in der Kunst. Angela Washko lässt dort etwa eine weibliche Spielfigur im Game World of Warcraft Bergers Text nachsprechen und verweist damit auf die sehr aktuelle Sexismus-Debatte in der Gamekultur.
Die ersten beiden Folgen von ‹Ways of Some­thing› sind auf Lorna Mills' Vimeo-Account zu sehen. Folge drei ist soeben fertig geworden, die vierte und letzte Folge ist in Arbeit. Insgesamt sind über achtzig Künstlerinnen und Künstler beteiligt. Bergers Original gibt's auf YouTube.



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Ausgabe 5  2015
Autor/in Raffael Dörig
Link https://vimeo.com/105731173
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