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5.2015




Baden-Baden : Nektar und Ambrosia


von: Hans-Dieter Fronz

  
links: Ana Mendieta · Untitled (Silueta Serie, Iowa), 1980, S/W-Fotografie, 121,5x156 cm, Sammlung Daros Latin America Collection, Zürich, Courtesy Galerie Lelong, New York
rechts: Absalon · Proposition d'Habitation, 1991, Depafitplatten, Leim, Acryl, 29x74x54 cm, Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof. Foto: Stefan Altenburger


Die Kunsthalle untersucht in einer Ausstellung die Folgen des frühen Tods von Künstler/innen. Der Künstler auf der Kaffeetasse. Was er dort zu suchen hat? Er geniesst, um es vereinfacht auszudrücken, seinen Ruhm. Jeder Schluck festigt seinen unvergleichlichen Nimbus, seine Präsenz mitten im Leben ist Nektar und Ambrosia der Unsterblichkeit. Wer es als Künstler/in auf Tasse, Teller oder Mauspad geschafft hat, wie Vincent van Gogh, geniesst einen göttergleichen Status.
Mit Merchandising-Produkten in einer Vitrine veranschaulicht die Ausstellung ‹Nach dem frühen Tod› mögliche Folgen der mythischen Überhöhung eines Kunstschaffenden, die im Fall des Holländers in direkter kausaler Verbindung zu seinem frühen und mysteriösen Tod steht. Exemplarisch zeigt die Ausstellung am Beispiel jung verstorbener Künstler/innen, wie sich in der Kunstrezeption Wirklichkeit und (kollektive) Fantasie vermischen - wie werkfremde Faktoren ein Œuvre überlagern und die Wahrnehmung bestimmen können.
Die ausgestellten Arbeiten von 33 Künstler/innen, die das 51. Lebensjahr nicht erreichten, sind mehr visuelle Stichworte einer Schau, die man als Ausstellungsessay bezeichnen könnte. Bei jung verstorbenen, bereits bekannten Künstlern steigt der Marktwert in der Regel enorm; Ökonom/innen sprechen von «Knappheitseffekt» und «Reputationsgewinn», mit medizinischer Kälte sogar vom «Todeseffekt». Der lag bei Jean-Michel Basquiat bei 400, im Falle von Keith Haring bei etwa 300 Prozent: Urplötzlich waren Werke dieser Künstler das Drei- bzw. Vierfache wert.
Bisweilen findet Legendenbildung statt. Malerheroen wie van Gogh, Jackson Pollock und Basquiat avancierten nach dem Tod zu mythischen Figuren: Als Extremsportler des Lebens und Pioniere der Kunst hatten sie, stellvertretend für die Zeitgenossen und die Nachwelt, ihre vitalen Energien, so schien es, in einer intensiv und ausschweifend gelebten Existenz aufgebraucht. Martin Kippenberger wurde wie Jason Rhoades erst nach dem Tod internationale Beachtung zuteil; Christoph Schlingensief mutierte, nachdem er seine Krebserkrankung öffentlich gemacht hatte, in der medialen Wahrnehmung vom Enfant terrible zum allseits gefeierten Vorzeigekünstler - beinahe zur Erlösergestalt. Die Passio Christi ist am Ende das Vorbild der Heiligsprechung und mythischen Überhöhung des zu Lebzeiten verkannten, jung verstorbenen Künstlers im Tod.

Bis: 21.06.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Nach dem frühen Tod [21.03.15-21.06.15]
Institutionen Staatliche Kunsthalle [Baden-Baden/Deutschland]
Autor/in Hans-Dieter Fronz
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