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5.2015




Winterthur : Aneta Grzeszykowska


von: Jörg Scheller

  
links: Aneta Grzeszykowska · aus: Selfie, 2014, Inkjet-Print, 27x36 cm
rechts: Aneta Grzeszykowska · aus: Selfie, 2014, Inkjet-Print, 27x36 cm


Die Fotografie, so heisst es, wurde im 19. Jahrhundert erfunden. Tatsächlich hat sie viele andere und sehr viel ältere Anfänge. So können Bilder wie der angebliche Abdruck des Gesichts Jesu im Grabtuch von Turin als Vorformen der Fotografie gedeutet werden, aber auch Totenmasken, vermittels derer die Gesichtszüge Verstorbener ebenfalls durch Direktkontakt, sprich: auf indexikalische Weise abgebildet werden.
An diese dunklere, in Ritualen und Mythen wurzelnde Geschichte der Fotografie knüpft die polnische Medienkünstlerin Aneta Grzeszykowska (*1974, Warschau) mit ihrer Serie ‹Selfie› an. Es handelt sich dabei um Fotografien von Masken und Körperabformungen aus Schweinehaut, die auf den Gesichtszügen und Körperteilen (Finger, Brüste) Grzeszykowskas basieren und teils auch die Herstellung der Objekte zeigen. Die Assoziationen zu den erotisch-morbiden Polyester-Plastiken Alina Szapocznikows (1926-1973), die ebenfalls fragmentierte Körper-Abgüsse verfertigte, sind evident.
Anders als der Titel nahelegt, geht es in ‹Selfie› somit nicht um die inflationären Handy-Selbstporträts des 21. Jahrhunderts. In einem Interview betonte Grzeszykowska, dass der Hang zum (Selbst)Bildermachen kein genuin zeitgenössischer sei: «Dieser Mechanismus ist Teil der menschlichen Natur.» Auf ähnliche Weise argumentiert der Bildwissenschaftler Hans Belting in seiner Bild-Anthropologie (2001), man könne «den Sinn der Bilder nicht auf ihren aktuellen Sinn reduzieren, weil wir sie immer noch spontan auf anthropologische Grundfragen beziehen». Für Belting ist der Körper «selbst ein Bild» und die Maske «ein Pars pro toto für die Verwandlung unseres eigenen Körpers in ein Bild». Man könnte an dieser Stelle auch an Chuck Prophets Song ‹He came from so far away›, 2012, denken: «When they asked him why he wore a mask in public / He said: this is my face, it covers my disguise.»
Grzeszykowska wirft mit ‹Selfie› existentielle Probleme auf wie das des Verhältnisses zwischen Identität und Maske, Mensch und Tier, Bild, Leben und Tod. Für sie steht fest, dass sowohl Bilder wie auch Identitäten in einem unablässigen Prozess gemacht werden. Erst der Tod führe zur Notwendigkeit, Identität festzuhalten. Folgerichtig bezeichnet sie ‹Selfie› auch als «narzisstische Theorie meines eigenen Todes». Wenn man so will, handelt es sich bei ihren Skinplastics um Hyper-Fotografien: Der Körper, bereits als Bild oder Maske begriffen, wird durch Masken und Abformungen abgebildet, welche wiederum durch die Fotografie verewigt werden.
Mit der Schau initiiert das Fotomuseum ein neues Ausstellungsformat: Unter dem Titel ‹Situations› werden nun Ausstellungen inhaltlich entlang von Tags und Clustern kuratiert, die konkrete und virtuelle Objekte miteinander kombinieren.

Bis: 03.05.2015



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Ausgabe 5  2015
Ausstellungen Situation#1 [10.04.15-07.06.15]
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Jörg Scheller
Künstler/in Aneta Grzeszykowska
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