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Editorial
6.2015




Editorial - Tree Typography


  
TITELBILD · Martin Boyce · Our Love is Like the Flowers, the Rain, the Sea and The Hours (Black and Yellow Benches with Trees), 2002, Installationsansicht Museum für Gegenwartskunst, Stahl, Pulverbeschichtung, Leuchtstofflampen, elektrisches Zubehör, Masse variabel, Foto: Julian Salinas


Eines der frühesten Schriftsysteme war die Keilschrift. Sie leitete sich vom Material des Schriftträgers und vom Schreibwerkzeug ab. Die Botschaften waren prosaischer Natur, dienten meist kaufmännischen Zwecken. Seither sind Sprachen und Schriften in ­einem steten Veränderungsprozess. Jede Kultur und jede Generation bildete ihr eigenes Vokabular, ihre eigene Typografie. Heute wird das Schreiben auf mobilen Geräten mehr und mehr zum Texten und ­Aneinanderreihen von Emojis und Emoticons. Buchstaben und ­Bilder verschmelzen und daraus destilliert sich eine junge, temporeiche, wenn auch eng begrenzte Sprache.
Die Leuchtstoffröhren auf unserem Cover hängen frei im Raum. Nur mit Fantasie lassen sie sich als das erkennen, was der schottische Künstler Martin Boyce in ihnen sieht. Er nennt sie ‹Trees›. Noch weit schwieriger sind die Botschaften zu entziffern, die er in seiner von abstrahierten Bäumen abgeleiteten ‹Tree Typography› formuliert. Nur mit Geduld lassen sich die kantigen, auf einer Betonfläche tanzenden, auseinanderdriftenden Buchstaben in einem der Bilder zu Worten ordnen. Dann lesen wir: ‹Petrified Songs›.
Die Objekte von Boyce sind häufig nicht, was sie vorgeben. ­Einem Phantomschmerz gleich klingt die Sehnsucht nach einer Ästhetik, nach einer Sprache der Moderne an, in die er hineingeboren wurde, deren Vertrautheit und Verbindlichkeit jedoch trügen. Die Formen sind erstarrt und haben ihre Wurzeln verloren, so wie die ­freischwebenden Bäume, die aus sich heraus leuchten, denen aber die ­Bodenhaftung fehlt. Die reduzierten Gebilde evozieren nur noch eine rudimentäre Erinnerung an ihren Ursprung in einer gewachsenen, vielfältig verflochtenen Natur und Kultur.



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Ausgabe 6  2015
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Martin Boyce
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