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Fokus
6.2015


 Vor dem Besuch einer Veranstaltung von Performancekunst - diesmal von Judith Huber - ist man sich oft nicht im Klaren, was einen tatsächlich erwartet. Doch wer ohne Vorurteile durch die Welt läuft, kann sich auch auf unbekanntem Terrain bewegen und schlüssige Erkenntnisse gewinnen.


Performance im Blickfeld - Judith Huber bringt Räume zum Klingen


von: Michael Sutter

  
Judith Huber, sounding 2015, Trudelhaus Baden, Videostill: Gabriela Gyr. Foto (oben): Irene Müller; Videostills (mitte, unten): Gabriela Gyr


Bohrend, sondierend, auslotend und tönend sind mögliche Übersetzungen des englischen Begriffs «sounding», so wie Judith Huber (*1964, Falkirk) ihre Performance im mehrstöckigen Trudelhaus in Baden betitelt hat. Nach einer hyperkurzen Einführung durch die Kuratorinnen bewegt sich die überschaubare Sippschaft der Anwesenden einen Stock tiefer. Auf dem Zwischenboden sind ziegelartige Tonobjekte von Paul Takács in Land-Art-Manier präsentiert. Diese geben schon mal vor, wo man sich nicht hinsetzen sollte. Im Publikum machen sich Ruhe und Bedachtsamkeit breit. Vorsichtig sucht jede und jeder ein Plätzchen im Spalier, die Mäntel bleiben angezogen. Die Mehrheit steht - selbstredend ohne diese zu berühren - vor der an die Wand gelehnten Arbeit von Irene Naef. Darf man auf den Boden sitzen? Einer tut es, jemand macht es ihm nach. Es soll ja circa dreissig Minuten dauern, hat es geheissen.
Das Warten beginnt und der Geräuschpegel im Raum sinkt unter null. Man hört ein leises Knacken. Judith Huber betritt den Raum über die Treppenstiege aus dem Erdgeschoss, sie trägt Alltagskleidung. Mit offenen Augen und konzentriertem Blick, nur leise summend und surrend, beginnt die schottische Künstlerin sich mit sanften Bewegungen in den Raum vorzutasten. Auf den ersten Blick scheint sie etwas abzumessen oder einer unsichtbaren Karte zu folgen. Was wohl in den Köpfen der Zuschauer/innen vorgeht? Huber bewegt sich langsam in die Raummitte, intensiviert ihre minimalen Laute und setzt vor allem ihre Fingerspitzen als Akteure der Performance ein. In kleinen Fingergesten scheint die Künstlerin zu zeichnen, ziehen, verschieben, glätten, öffnen, putzen, drehen oder aufzuspulen. Es scheint, als würde der Reiz des Unsichtbaren das Publikum in absolute Konzentration versetzen. Mit zunehmender Aufführungsdauer setzen sich mehrere Personen auf den Boden oder schleichen sich gar erst in den Ausstellungsraum hinein. Ohne Unterbruch performt Huber in einem wachsenden Bewegungsradius und einer sich leicht steigernden Geräuschkulisse am reglosen Publikum vorbei Richtung Treppenaufgang. Sie verschwindet aus dem Blickfeld. Soll man ihr folgen, oder nicht? Ihr Abgang wird von den Badener Kirchenglocken akustisch begleitet und man geht nach Hause mit der Erkenntnis, dass man Performancekunst nicht zwingend verstehen, sondern vielmehr in sich aufnehmen und verarbeiten muss. Darüber zu schreiben, ist eine empfehlenswerte Möglichkeit.
Michael Sutter, Kunsthistoriker, freier Kurator und Kulturjournalist, lebt in Bern. info@m-sutter.ch


Bis: 07.06.2015



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Ausgabe 6  2015
Autor/in Michael Sutter
Künstler/in Judith Huber
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