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Besprechung
6.2015


Katharina Holderegger Rossier :  Das Cabinet d'arts graphiques ist zurzeit mit einer wunder­baren Retrospektive der Videastin, Fotografin und Druckgrafikerin Christiane Baumgartner im Musée d'art et d'histoire zu Gast. In den eigenen Räumen lotet das Cabinet mit der HEAD-Klasse ­Didier Ritteners klug das Phänomen der Appropriation aus.


Genève : Christiane Baumgartner - Mediale Interferenzen


  
links: Christiane Baumgartner · Manhattan Transfer, 2009, Holzschnitt, gedruckt von Gangolf Ulbricht, Blatt 145x185 cm ©ProLitteris
rechts: Christiane Baumgartner · 1 Sekunde, 2004, Holzschnitt, gedruckt von der Künstlerin, Blatt 26x33 cm, Courtesy CdAG, MAH, Genf ©ProLitteris


Christiane Baumgartner (*1967, Leipzig) wurde mit riesigen Holzschnitten international bekannt, die Ansichten von Stadt und Land, Helikopter, Flugzeuge und Windmühlen zeigen. Etwas zu simpel hat man sie dann oft als Erbin einer deutschen Tradition von Dürer über Nolde bis zu Baselitz bezeichnet. Eine von Christian Rümelin, dem Leiter des Centre d'Art Graphique/CdAG erarbeitete und nun im Musée d'art et d'histoire/MAH gezeigte Wanderschau zu sämtlichen Typen der von der Künstlerin seit jeher favorisierten Editionen macht jetzt jedoch die einzigartige Position der Künstlerin deutlich. Baumgartner erforscht eher den Prozess des Sehens in Form ­eines sensiblen und intelligiblen Abtastens von Oberflächen in unserer technisierten, akzelerierten und mediatisierten Welt, als dass sie das Publikum durch Expressivität in den Bann ziehen will.
So zeigt sich in ihren Bildern eine Realität, die nicht nur im urbanen Raum, sondern auch in der Natur - mit Ackerfurchen und aufgeforsteten Wäldern - in Raster aufgelöst und von Geschwindigkeit erschüttert ist. Darüber legt sie meist mehrere mediale Schichten, die deren Wirkung massiv verstärken. So laden in ihren Holzschnitten horizontale Streifenraster und Bewegungsunschärfen die Bilder nach ­Videostills dramatisch auf, und in den Heliogravuren werden die Kontraste der alten Filmbilder akzentuiert. Immer jedoch stellt sich vor ihnen eine Faszination ein für die neuen Strukturen, die durch die Interferenzen zwischen den verschiedenen Ebenen entstehen und die zugleich ein Gefühl der Entfremdung aufkommen lassen. Menschen, die Identifikation und Orientierung bieten würden, erahnt man denn stets nur hinter Panzerungen. Vier plötzlich aus dem Rahmen fallende organische, feine, warme Aquatinten von 2013, mit denen Baumgartner in ihrer Druckgrafik erstmals seit 1998 wieder eine eigene Zeichnung aufgreift, machen darüber hinaus neugierig auf dieses Werk, das die Künstlerin offenbar im Verborgenen stets weiterentwickelt hat.
Nicht nur im MAH, sondern auch in den eigenen Räumen setzt das CdAG zurzeit auf aktives, kritisches Sehen. Mit der HEAD-Klasse Didier Ritteners ist ihm hier unter dem Titel ‹Pardonnez-leur› ein ebenso verspielter wie umfassender Rundgang zu einer Schlüsselstrategie zeitgenössischer Kunst vor historischen Vorbildern gelungen. Frei nach Woody Allen bietet die Schau «Everything you always wanted to know about appropriation (but were afraid to ask)».

Bis: 28.06.2015



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Christiane Baumgartner [20.03.15-28.06.15]
Institutionen Musée d'Art et d'Histoire Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Christiane Baumgartner
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