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Besprechung
6.2015


Gabriele Lutz :  Im Kunsthaus Langenthal greifen neun Kunstschaffende aus Bangalore, Delhi und Mumbai mit Themen wie Armut, Migration, Verknappung der natürlichen Ressourcen und Konsumismus Facetten des modernen Indien auf. Sie führen in unterschied­liche Lebenswelten und finden dafür poetische Bildsprachen.


Langenthal : One And One Make Eleven - Indische Lebenswelten


  
links: Reena Kallat · Aperture, 2014, Video, 3'17'', Courtesy Kunsthaus Langenthal. Foto: Seraina Wirz
rechts: Cop Shiva · The Street as Studio, 2013. Peter hat seine Familie verlassen um Wandermönch zu werden. Ursprünglich stammt er aus Andhra Pradesh, aber er wandert durch ganz Indien, lehrt Slum-Kinder Englisch und übernachtet in Kirchen.


Das Erzählen ist der indischen Kultur seit jeher eigen. Wie Miniaturmalerei und Literatur, in denen von Gottheiten und deren Interaktionen mit den Menschen, von Liebe, Verrat und Lebenslust berichtet wird, so lassen sich die in der Ausstellung präsentierten Werke der indischen Kunstschaffenden einer narrativen Tradition zuordnen. Da ist das Gebot des permanenten Konsums oder die Liebessehnsucht - in ironischer Brechung - als Erzählstrang angelegt und vorgetragen in einer Vielfalt von Medien: Fotografien, installativen Arbeiten, Video-Animationen.
Die Kunstschaffenden sind Vertreter/innen einer jungen und mittleren Genera­tion, sind Studienabgänger oder auch bereits internationale Player. Die Kuratorin Eveline Suter hat die Ausstellung partizipativ, als Diskurs mit dem Publikum sowie als subtilen Dialog mit dem Kunsthaus und seiner Geschichte angelegt. So ist die multimediale Präsentation ‹www.arrangeyourownmarriage.com› von Archana Hande im prachtvoll getäferten Raum installiert, der einst als Standesamt diente. In der Tradition der Reportagefotografie arbeitet Cop Shiva. Er hat sein Fotostudio auf der Strasse eingerichtet. Die leuchtend farbigen Wandbilder - Auftragsarbeiten der Stadt Bangalore - dienen als Kulisse für eine umfassende Porträtserie mit Menschen, die aus ländlicher Armut in die Stadt gezogen sind. Zu jeder Fotografie fügt Shiva die kurze Lebensgeschichte der Protagonist/innen - und verleiht ihnen so einen berührend-schönen Auftritt. Menschen und ihre Überlebensstrategien zeigt Surekha (*1965) in Videoarbeiten. Sie erzählen von den Romeos (‹Retired Old Men Eating Outside›) & Juliets, die sich eine eigene soziale Struktur für den Lebensabend geschaffen haben. ‹The Unclaimed› handelt von einer Familie, die über mehrere Generationen die Aufgabe übernommen hat, anonyme Tote zu beerdigen. Die Arbeiten von Atul Bhalla zum Thema Wasser sind vielschichtig: ‹Dvaipayana› handelt vordergründig vom Leben der Bootsbauer am Yamuna und von der Verschmutzung des Flusses. Gleichzeitig verweist er auf das ‹Mahabharata›, das indische Epos, das von den Anfängen der Menschheit erzählt: vom Wasser als dem Ursprung allen Seins. Nicht nur in dieser ­Arbeit geschieht eine Rückbindung an literarische Traditionen und die Spiritualität, die im Kontrast zur Komplexität und Hektik des modernen Lebens stehen. Reena Kallat hat dies in der Videoarbeit ‹Aperture› auf die visuelle Formel gebracht: «Happyness is not a station to arrive at but a manner of travelling.»

Bis: 28.06.2015



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Zeitgenössische Kunst aus Indien [23.04.15-28.06.15]
Institutionen Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]
Autor/in Gabriele Lutz
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