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Besprechung
6.2015


Lucia Angela Cavegn :  Dreh- und Angelpunkt der aktuellen Ausstellung der Kunsthalle Winterthur ist das Manifest ‹MI!MS - A Manifesto of Maximum Irony! Maximum Sincerity›, das Andy Holden vor mehr als zehn Jahren zusammen mit Jugendfreunden formulierte und nun in einer umfangreichen Installation Revue passieren lässt.


Winterthur : Andy Holden - Towards a Unified Theory of MI!MS


  
links: Andy Holden · Towards a Unified Theory of MI!MS, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur. Foto: Joëlle Menzi
rechts: Andy Holden · Towards a Unified Theory of MI!MS, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur mit The Utility Room (Unstuck Studio), 2013. Foto: Joëlle Menzi


Die Arbeit «Towards a Unified Theory of MI!MS» war 2013 erstmals in der Zabludowicz Collection in London und ein Jahr darauf im Spike Island in Bristol zu sehen. In Winterthur bespielt der Engländer Andy Holden (*1982) damit beide Ausstellungsräume der Kunsthalle, die durch den Einbau von Kojen, einer Treppe und erhöhten Plattform zu einer ausgeklügelten, verschachtelten Architektur mutieren, die uns, szenografisch geschickt, zu verschiedenen Stationen führt. Die Installation ist ein Gesamtkunstwerk aus Text, Bild, Objekt, Film und Musik - eine multimedial-vielschichtige Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerischen Biografie. Holden verfasste das Manifest gemeinsam mit John Blamey, Roger Illingworth, James MacDowell und Johnny Parry in den Jahren 1999 bis 2003 als Antwort auf die Frage, wie grosse Gefühle aufrichtig - ohne Sentimentalität und Zynismus - in der Kunst zum Ausdruck gebracht werden können. In ihrem Manifest postulierten die fünf Jugendfreude, wohlwollende Ironie sei der einzig gangbare Weg, um glaubwürdig zu bleiben.
Gut zehn Jahre später beschloss Holden, Rückschau zu halten und diesen prägenden Lebensabschnitt künstlerisch in Form einer Re-Inszenierung aufzuarbeiten. Gespräche mit seinen alten Freunden über das Manifest flossen in ein Script ein, welches von jugendlichen Darstellern einstudiert und vorgetragen wurde. Die Textaufführungen wie auch die Einspielung damals geschriebener Songs mit Orchester und Kinderchor wurden gefilmt und bilden den Hauptschwerpunkt der Installation. Insgesamt sind es sieben Videos, in denen heutige Heranwachsende die Gedanken und Gefühle der einstigen Schulfreund/innen präsentieren. Das Reenactment schafft eine Verbindung zwischen Generationen. Den Inhalt des Manifests reflektiert der Künstler anhand sentimentaler, auf Trödelmärkten erworbener Gemälde. Durch die Überblendung der Bilder mit Auszügen aus dem Manifest vollzieht er eine ironische Distanznahme und ein künstlerisches Upcycling zugleich. Mit Dokumenten aus dem MI!MS-Archiv, dem Nachbau seines Teenager-Ateliers sowie der Ausgabe der lokalen Tageszeitung ‹Bedford Times & Citizen› mit dem Abdruck des Manifests auf dem Umschlag werden nicht nur Kunst und Realität, sondern auch Vergangenheit und Gegenwart miteinander verkittet. Einer der zentralen Sätze des Manifests lautet: «We all know that art is not truth. Art is the lie that makes us realise the truth.» Darin ist die Nostalgie offensichtlich der Kunst verwandt.

Bis: 21.06.2015



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Andy Holden [26.04.15-21.06.15]
Institutionen Kunsthalle Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Lucia Angela Cavegn
Künstler/in Andy Holden
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