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Besprechung
6.2015


Dominique von Burg :  Der französische Künstler Érik Desmazières gilt zurzeit als ­einer der besten Radierer. Mit einer anachronistisch anmutenden Bildsprache und einer unglaublich virtuosen Kunstfertigkeit öffnet er Fenster in entschwundene Zeiten, die uns in ihrer Wirklichkeitsnähe vertraut und gleichzeitig fremd erscheinen.


Zürich : Érik Desmazières - Omnipräsenz des Numinosen


  
Érik Desmazières · Le vent souffle où il veut, 1989, Radierung, Aquatinta und Roulette in, Blau und Schwarz (zwei Platten), Druck im Atelier von René Tazé, Paris, Hrsg. von Graphic Arts Council of the Achenbach Foundation, 54x39,2 cm, Expl. 5/90 ©ProLitteris


Érik Desmazières (*1948, Rabat) lässt mit Linienätzung und Aquatinta fantastische, obskure Traumwelten erstehen. Der von einer altmeisterlichen Bildsprache inspirierte Stil geht mit anachronistischen Themen einher: Pariser Arkaden des 19. Jahrhunderts, der grosse Lesesaal der alten französischen Nationalbibliothek, die fiktive Bibliothek von Babel, Kunst- und Wunderkammern, menschenleere, atmosphärisch aufgeladene Innenräume und Stadtansichten. Der in Paris lebende französische Künstler scheint schwerelos historische und gegenwärtige Zeiten und Räume zu durchlaufen. Mit piranesiartigen schwindelerregenden Raumperspektiven entfaltet er ein stetes Kontinuum, das über Raum- und Zeitgrenzen hinwegführt.
In einer ungeheuer opulenten Bildsprache erzeugt Desmazières oft wirklichkeitsnahe und doch eigenartig zeitlos wirkende Szenarien. Auf unvergleichliche Art versteht er es dabei, Fenster in fremde Welten zu öffnen und Existenzielles mit unserer Fantasie zu verquicken. So hat Desmazières in seinen 1997 angefertigten Illustrationen zur ‹Bibliothèque de Babel› von Jorge Luis Borges einen sich in die Höhe schraubenden Turmbau dem berühmten Gemälde von Pieter Breughel d.Ä. nachempfunden. Die von Borges beschriebene fiktive Universalbibliothek, in der unendliches Wissen komprimiert ist, sowie die sinnlose Suche nach der ultimativen Wahrheit in einer ­labyrinthischen Welt, drückt der Künstler mit Hilfe von irrealen Bibliotheksräumen mit verzogenen Perspektiven und verzerrten Massstäben aus.
Die überwiegend fiktiven Kunst- und Wunderkammern spiegeln den Makro- im Mikrokosmos mit enzyklopädischen Sammlungen von völlig disparaten, unsystematisch nebeneinander ausgelegten Objekten. Desmazières konzentriert sich hingegen eher auf das Architektonische. Indem er reale mit imaginierten Räumen verschränkt, gewährt er Einblick in eine vergangene, aber für das heutige Publikum nicht mehr entschlüsselbare Welt. Dabei wird dem Unerklärlichen ein grosser Spielraum gelassen. Dafür könnte das wunderbare Blatt ‹Le vent souffle où il veut›, 1989, exemplarisch stehen. Es stellt einen menschenleeren, in barockem Stil eingerichteten, in bläuliches Licht getauchten Raum dar. Ein plötzlicher, heftiger Windstoss bauscht die Vorhänge und lässt zwei Blätter vom Tisch aufwirbeln. In diesem magischen Moment wird, wie der Titel suggeriert, die Omnipräsenz des allumfassenden Numinosen erahnbar.

Bis: 21.06.2015



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Erik Desmazières [22.04.15-21.06.15]
Institutionen Graphische Sammlung ETH [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Erik Desmazières
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