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Besprechung
6.2015


Konrad Tobler :  Er selbst spricht von einer neuen Lust an der Malerei. Jedenfalls ist festzustellen, dass die Malerei von Kotscha Reist zupackender geworden ist. Was nicht ausschliesst, dass auf diesen ­Bilder-Bühnen Abwesenheit immer noch eine wichtige Rolle spielt: Die Erzählung ist erahnbar, wird aber nie erzählt.


Bern : Kotscha Reist - Etwas ist geschehen, etwas könnte geschehen


  
links: Kotscha Reist · On Stage, 2015, Öl auf Leinwand, 125x160 cm
rechts: Kotscha Reist · Bekanntmachung, 2014/15, Öl auf Leinwand, 170x230 cm


Ein Zelt, innen hell, aussen dunkel. Keine Menschen. Ein Zelt als Objekt, das fast geometrische Strukturen aufweist, in einer Landschaft, die nur angedeutet ist - und die vom malerischen Duktus und Sujet an Renaissance-Landschaften oder an Camille Corot erinnert. Das Zelt wirkt, wie wenn es auf einer Bühne stünde. ‹On Stage› lautet denn auch der Titel des Gemäldes des Berners Kotscha Reist (*1963), der mit seinem Œuvre seit Jahren zu den wichtigen Malern der Schweizer Szene gehört.
Die neue Werkgruppe zeigt eine Veränderung an. War es bisher häufig der Eindruck des Beinahe-Verschwindens, das die Sujets von Reist und seine Malweise auszeichnete, ist jetzt gewissermassen eine stärkere Entscheidungsfreude zu beobachten. Er selbst spricht von einer neuen Lust an der Arbeit, die ihn nach längerem Suchen und Zögern gepackt habe. Der Titel seiner aktuellen Ausstellung deutet das an: ‹Malerei ist ein alter Hut; aber manchmal sitzt dieser einfach besser.› Die Malerei ist zupackend. Die Sujets sind sehr präsent: Kisten, Konsolen, Büchergestelle, ein Gewehr, eine Fassade, die mit ihrer Rasterung nur erkennbar ist, weil im Vordergrund silhouettenartig Bäume ins Bild ragen. Überhaupt zeichnen sich die Gemälde durch radikalere Bildaufteilungen aus als früher; es gibt mitunter klare Bildgeometrien, zumindest immer eine klare Bildkonstruktion und -komposition. Die Farbgebung - so etwa ein rosa Hintergrund - ist frisch, ja geradezu frech, ohne schrill zu wirken.
Gilt in der Tradition des Tafelbilds das Gemälde metaphorisch als Fenster zur Welt, so macht Reist das Bild zu einer Art Bühne. Welches Stück gespielt wird, bleibt offen. So bei einer Gruppe von über die Fläche verteilten Bäumen. An jedem Stamm gibt es eine weisse Auslassung, die automatisch als Zettel identifiziert wird. Die Zettel sind leer. Und dennoch heisst das Bild ‹Bekanntmachung›. Wir wissen nicht, was bekannt gemacht wird. Die Dialektik des Zeigens und Verbergens oder der Präsenz und Abwesenheit lässt sich am besten beim Büchergestell ablesen. Die Buchrücken sind nur vertikale Farbstreifen. Selbstverständlich, dass wir sie als Bücher deuten. Das Gemälde heisst ‹Belletristik›. Was aber in den Büchern steht, ist uns überlassen. Umgekehrt lässt das Gewehr - ‹Unloaded›- unmittelbar an Romane oder Filme denken: Etwas ist geschehen, etwas könnte geschehen.

Bis: 04.07.2015



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Kotscha Reist [28.05.15-04.07.15]
Institutionen Bernhard Bischoff & Partner [Bern/Schweiz]
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Kotscha Reist
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