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6.2015




Martigny : Anker, Hodler, Vallotton...


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Ferdinand Hodler · Le Lac Léman vu de Chexbres, ca. 1904, Öl auf Leinwand, 80x99 cm
rechts: Félix Vallotton · Baigneuse au rocher rouge, 1908, 116,5x89 cm, Courtesy beide Werke: Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte


Die Kunstgeschichte hat sich oft bemüht, das Spektrum der Persönlichkeiten zu fassen, die Kunstwerke und andere Artefakte akkumulieren. Wie eine neue Dissertation von Laure Stasi zu einer der wichtigsten Sammlerinnen um 1900 (Martine de Béhague) zeigt, schildert die dazu entwickelte, mitunter konfuse Terminologie immer wieder folgende Profile: 1. Virtuose Sammler/innen: Sie weiten ihre Interessen kontinuierlich aus, wählen indes ­ihre Sammlungsobjekte stets mit verblüffendem Instinkt aus. 2. Fachleute: Sie sorgen in scharf umrissenen und eher historischen Gebieten für möglichst exzellente Übersichten. 3. Lieb­haber/innen: Sie tummeln sich in beschränkten, tendenziell eher aktuellen Bereichen, geleitet von ihren eigenen Sensibilitäten sowie Begegnungen und Freundschaften. 4. Kuriose: Sie sammeln jenseits von Moden und legen dabei einen bizarren, oft oberflächlichen, anekdotischen Geschmack an den Tag. Bruno Stefanini (*1924) erscheint wie die Reinkarnation einer der letztgenannten, im 17. und 18. Jh. noch häufigeren Sammlernaturen. Dabei trägt er Mengen zusammen, wie es einem Einzelnen seit dem barocken Rom oder Paris vermutlich kaum noch möglich war. Der Sohn des italienischstämmigen «Salmen»-Wirts in Winterthur hat nach der Aufgabe seines ETH-Studiums wegen des Aktivdiensts 1939-1945 gemäss dem Motto «nie verkaufen» nicht nur das grösste hiesige Immobilienimperium erworben, sondern auch über 8000 Kunstwerke sowie gegen 100'000 Objekte von der Armbrust bis zum Schlossgut. Nebst den Reliquien von Napoleon, Sisi oder Churchill stammt die Mehrheit des Sammelguts vom späten 17. bis ins frühe 19. Jh. und aus dem Raum der damals noch wenig fassbaren eidgenössischen Grenzen. Das Gedächtnis an international agierende historische Persönlichkeiten wird also eigenartig mit der Konstruktion einer quasi schicksalshaften ‹Schweizer Kunst, Kultur und Geschichte› verbunden.
Noch flauer wirkt der erste Versuch, die 1980 unter diesem Namen zur Sicherung der Sammlung gegründete Stiftung dem Publikum näherzubringen. Nach dem Kunstmuseum Bern hat man sich nun auch in der Fondation Gianadda an die Künstlerstars der Ultranationalen gehängt, schulbuchmässig in Gattungen gesondert, garniert mit Sisis Spiegel und Kitsch wie der Bronzebüste des Sammlers und einem 2003 entdeckten Riesenbergkristall. Wenn nicht kritischer, dann hätte es doch etwas imaginativer sein dürfen, wenn man schon für den Titel ‹Sesam, öffne Dich! › eine Formel aus 1001 Nacht bemüht. Das türkisblaue Wasser des sich mit der Erdoberfläche krümmenden Genfersees von Hodler und das lilarote Fleisch der sich vor uns fesselnd auftürmenden Frau von Vallotton können allerdings nichts dafür.

Bis: 14.06.2015



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Ausgabe 6  2015
Ausstellungen Anker, Hodler,Vallotton... [05.12.14-14.06.15]
Institutionen Fondation Pierre Gianadda [Martigny/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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