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Fokus
7/8.2015


 Diese Gemengelage ist stets interpretationsbedürftig. Nicht nur Kunstschaffende erhalten an der Biennale Venedig einen Auftritt, auch das Selbstverständnis der Nationen. Ein Rundgang durch die Giardini vermittelt einen Eindruck von der schweizerischen und anderen nationalen Verfasstheiten.


Nationenpavillons/Giardini - Früchte des Gartens


von: Stefan Wagner

  
links: Pamela Rosenkranz · Our Product, 2015, Installationsansicht, Schweizer Pavillon, Biennale Venedig. Foto: Marc Asekhame
rechts: Hito Steyerl · Factory of the Sun MOV File, 2015, Installationsansicht, Deutscher Pavillon, Biennale Venedig ©ProLitteris


Am 9. Mai, dem Tag der Publikumseröffnung der Biennale Venedig, liefen wie immer zahlreiche Menschen durch die Strassen und über die Plätze Venedigs. Einige von ihnen trugen rote T-Shirts mit der Aufschrift «No grandi navi». Sie sammelten sich zu einer Protestkundgebung gegen grosse (Kreuzfahrt-)Schiffe, deren Bugwellen und Touristenfrequenzen die Stadt unter Stress setzen. Venedig ist nicht nur eine vom Meer bedrohte Stadt, sondern auch eine Shrinking City. Sie verliert beständig an Bevölkerung, weil es finanziell rentabler ist, touristische Infrastrukturen zu schaffen statt Wohnraum für Einheimische. Das soziale Leben schwindet und mit einer pessimistischen Weltsicht wird davon bald nicht mehr übrig sein als einige Souvenirläden und Pizzalokale. Doch wie soll man einen solchen sozialen Prozess festhalten?
Die Malerei von Gentile Bellini, der in der Renaissance Zeremonien und Prozes­sionen festhielt, ist Zeugnis eben dieses heute verschwindenden sozialen Lebens. Die Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz liess sich für ihren Beitrag im Schweizer Pavillon von Bellinis ‹Das Kreuzeswunder auf der Brücke von San Lorenzo›, 1500, inspirieren. Man findet das Bild in der Ausstellungsbroschüre ‹Our Product›, wobei nicht ganz deutlich wird, weshalb ebendieses Bild als Inspirationsquelle diente. Vielleicht ist es das Interesse der Künstlerin an sich verändernden Biopolitiken, die damals von der Religion geprägt wurden, heute aber von der Ökonomisierung des ­Lebens. Susanne Pfeffer, die von Rosenkranz berufene Kuratorin, schreibt am ­Ende ihres Texts: «Und während der Kapitalismus die Entsubjektivierung immer weiter ­vorantreibt, werden Produkte zunehmend als Subjekte vermarktet.» Rosenkranz’ ­Arbeit nun aber als Kritik dieser Vorgänge zu lesen, wäre wohl verfehlt.

Diskurs und Hormone im Schweizer Pavillon
In den Giardini hat Rosenkranz den von Bruno Giacometti 1951/52 erbauten Pavillon zu einer Installation umfunktioniert. In einer Warteschlange stehend – denn es wird nur grüppchenweise Zugang gewährt – findet sich das Publikum von grünem Licht beschienen in einem eigenartigen Setting wieder. Absichtlich wurden die abgebrochenen Zweige eines Giardini-Baums liegen gelassen und auch sonst glänzt der Pavillon nicht eben in gutschweizerischer Sauberkeit (nach ihrer Berufung soll Rosenkranz das Putzen im Pavillon untersagt haben). Zweifellos hat diese Installation theatralische Züge, das Publikum wird zielgerichtet auf einen Höhepunkt hingeleitet, sodass man an die performative Struktur einer Prozession denken darf. Wartend kann man dann auch die Hormone einatmen, die einen gemäss Begleittext umhüllen und unbewusst beeinflussen könnten. Auf den Wink der Aufseherin dürfen wir dann ­einen Tunnel durchlaufen und vor ein Becken treten, in dem eine Masse blubbert. Diese mit rosa Pigmenten versehene Ursuppe entspricht angeblich der durchschnittlichen Hautfarbe eines europäischen Menschen. Ein «synthetisches Wassergeräusch» berieselt uns auf der Audioebene und soll die Künstlichkeit der menschlichen Gegenwart vorführen. Folgt man allen Beschreibungen und Referenzen dieser Arbeit, die darüber hinaus bedeutungsvoll mit ‹Our Product› überschrieben wird, macht sich ­allerdings auch schnell eine erratische Ratlosigkeit breit. Oder waren es vielleicht die Hormone, die beim Besuch die Rezeptoren der Vernunft blockieren?

Eines steht bei dieser ratlosen Selbstbefragung fest, Rosenkranz beherrscht die Klaviatur der Inszenierung, der Manipulation und des Scheins. Mit ihrer Arbeit hat sie sich in den vergangenen Jahren gekonnt im Diskursturm des Spekulativen Realismus verortet, einer zu Neologismen und semantischer Verwischung neigenden Philosophie englischer Prägung, die ausschliesslich in der bildenden Kunst Wellen wirft und an das Erbe der Metaphysik anknüpft. Formal ist ‹Our Product› für viele ein gestuftes Erlebnis. Die Begleittexte sind ein Wust an Referenzen und Anspielungen, die kaum zu durchschauen sind. Vielleicht ist es gerade diese Ungenauigkeit, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Subjekt in der Gegenwart verhindert. Nach zwei Jahren Pavillonregie der Pro Helvetia konstatiert man, dass die Auswahljury Einzelpositionen favorisiert wie bereits unter der Ägide des Bundesamts für Kultur, das vorgängig nur selten thematische Setzungen wagte. Auffallend ist seit der Übernahme von Pro Helvetia darüber hinaus, dass der Pavillon zum Karrierekatalysator umgedeutet wurde, da die beiden bisherigen Positionen auf dem Kunstmarkt zweifellos als Bluechip-Option gelten. Man kann gespannt sein, ob der Schweizer Pavillon völlig zum erweiterten Arm des Kunstmarkts generiert oder ob er auch einmal für Abseitiges und weniger Marktförmiges dienlich erscheinen wird.

Exzentrik im Spanischen Pavillon
Was aber will man erwarten von einer Biennale, an deren vorgelagerter Quaipromenade die teuersten Yachten der Welt anlässlich der Voreröffnung anlegen? Die Kunst wird die Probleme der Welt nicht lösen, aber vielleicht regt sie zur Befragung der eigenen Handlungsmuster an. Nur einige Schritte entfernt lädt eine thematische Auseinandersetzung mit einer historischen Figur genau dazu ein. Der Spanische Pavillon umkreist den surrealen Salonmagier Salvador Dali, nicht indem er dessen Werke zur Schau stellt, sondern indem die eingeladenen Kunstschaffenden sich mit dem Künstler auseinandersetzen. Beim Betreten des Raums wird man mittels historischer Filmdokumente mit der exzentrischen Figur des Surrealisten konfrontiert. Die sich mit feministischen Themen und Transsexualität auseinandersetzenden Künstlerinnen Helena Cabello und Ana Carceller greifen in ihrer filmischen Setzung Identitätskonstruktionen auf. Die beiden konzentrieren sich auf einen bisher nur wenig beleuchteten Fakt, nämlich Dalis Freundschaft zum homosexuellen Schriftsteller Federico Garcia Lorca. Zwischen beiden soll ein – bis anhin wenig thematisiertes – homosexuelles Verhältnis bestanden haben. Bereichernd ist dieser Pavillon, in dem auch noch andere Künstler etwas zum Thema beisteuern, weil hier mittels Kunst eine historische Aufarbeitung der faschistischen Diktatur geschieht, nicht dokumentarisch, sondern über die Figur Dali, die wohl stellvertretend für die Moderne wie auch die politischen Bedingungen der damaligen Zeit zu betrachten ist.

Figuren im Deutschen, Münzen im Kanadischen Pavillon

Im Deutschen Pavillon wird hingegen (wie fast immer) ein erweitertes Bild der Welt thematisiert. Kurator Florian Ebner adressiert die Globalisierung und ihre Konsequenzen, aber auch die sich verändernden Bildpolitiken. Über Nebentreppen besteigt man den Pavillon, wo Hito Steyrl überzeugend eine Mischung aus Animationsgame und Theaterstück inszeniert, in welchem sie mit realen und virtuellen Figuren Kapitalströme und Kriege simuliert. Tobias Zielony hat das Leben von Migrant/innen einzufangen versucht, Jasmina Metwaly und Philip Rizk in ihrem Einstundenfilm das Leben von Arbeiter/innen und Erwerbslosen in Kairo. Zur Auflockerung lässt Olaf ­Nicolai von Zeit zu Zeit oben auf dem Dach Bumerangs fliegen. Eigentlich ist das eine beinahe naive Geste, die aber eine Art Schattenwirtschaft darstellen soll, die zahlreiche Bereiche der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft betrifft.
Mit dem Ende voran beginnt der Kanadische Pavillon, der ab und an flirrend von Nicolais Bumerangs überflogen wird. Der erste Raum ist als Einkaufsladen inszeniert, wie er in jeder Stadt – ausser auf der Hauptinsel Venedigs, die tunlichst alle nichtitalienischen Klischees ausblendet – zu finden ist. Waschpulver und Crackers werden angeboten. Die Etiketten sind unscharf, eine bizarre Konsumwelt. Man stösst auf Gestelle voller Tonskulpturen, die an Bastelarbeiten erinnern. Eine Treppe hinauf warten Metallbahnen gierig auf Fütterung. Wer nicht zuvor seine letzten Münzen in das Ursuppenbecken im Schweizer Pavillon geworfen hat, kann nun diese förmlich nach Geld lechzenden Bahnen füttern. Langsam, aber kontinuierlich von der Schwerkraft gezogen wandern die geprägten Scheiben ins Parterre hinab zum bizarren Shop. Thank you for choosing Canadian Pavillon. Das ist denn auch eine tolle Parabel für die gegenwärtige Welt, in der man erst unbedacht konsumiert und dann bezahlen muss, beispielsweise auf Social-Media-Netzwerken oder bei anderen Gratisdiensten. ‹Canadassimo› wurde vom BGL Art Collective gestaltet und kommt im Gegensatz zu vielen anderen High-End-Produktionen in den Giardini äusserst charmant disparat daher. Anstatt sich in Referenzen zu versteigen, setzt man hier auf ein ästhetisches Erlebnis, das frei von impliziten Deutungsansätzen Raum für Interpretationen und Abschweifungen lässt. Die kanadische Kulturpolitik setzt auf experimentelle und an zivilgesellschaftlichen Prozessen interessierte Kunst. Und so hofft man, dass die von der Pro Helvetia eingesetzte Jury vor ihrer nächsten Wahl einen Rundgang durch die verschiedenen Pavillons tätigt und sich tragen lässt von der Unvernunft der Kunst.
Stefan Wagner, Kunsthistoriker und freier Journalist. Er lebt in Zürich. stefan.h.wagner@gmx.ch

Bis: 22.11.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Dispossession. Venedig Biennale [09.05.15-22.11.15]
Institutionen Hochschule für Grafik u. Buchkunst [Leipzig/Deutschland]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Pamela Rosenkranz
Künstler/in Hito Steyerl
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