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Fokus
7/8.2015


 Die Hauptausstellung der Biennale Venedig, ‹All The World's ­Futures›, kuratiert von Okwui Enwezor, gibt sich dezidiert politisch. Mit Karl Marx als Kronzeugen beleuchtet sie Konflikte und Kriege der globalisierten Welt. Vor allem aber geht es darum, den dominanten Kunstdiskurs zu verschieben.


All The World's Futures - Mit Karl Marx im Gepäck


von: Edith Krebs Nduakasa

  
links: John Akomfrah · Vertigo Sea, 2015, Videoprojektion, Foto: Werner Egli
rechts: Fabio Mauri · The Western Wall or the Wailing Wall, 1993, Foto: Werner Egli


Karl Marx würde sich wundern. Nach Jahrzehnten, in denen seine kapitalismuskritischen Analysen im Mülleimer der Geschichte entsorgt schienen, wird er an der diesjährigen Venedig Biennale zur neuen Leitfigur erkoren. Nicht nur darf sein Jahrhundertwerk ‹Das Kapital› das Herz der Ausstellung, die Arena, besetzen und wird dort gar integral als «Oratorium» live vorgetragen. Nein, Marx wird auch im Kurzführer genau wie alle anderen Ausstellenden vorgestellt und damit nonchalant zum Künstler gekürt. Marx also gibt den Pulsschlag vor, der diese Biennale belebt – und ob man diese Geste nun wörtlich oder symbolisch nimmt, sie ist auf jeden Fall wirkungsvoll. Hier geht es um Politik, lautet die Botschaft, und auch um Kunst. Auf jeden Fall dreht sich in dieser Ausstellung alles um politische und ökonomische Fragen, um Arbeitsbedingungen etwa, um Gewalt, Kriege oder um soziale Ungleichheit. Und solche Fragen sind in Zeiten von Finanzkrise und Globalisierung aktueller denn je.

Meisterliche Inszenierung
‹Blues, Blood, Bruise› signalisiert der Neonschriftzug von Glenn Ligon über dem Eingang der Biennale, darunter hängen schwarze Fahnen von Oscar Murillo. So trist und schwermütig der Auftakt, so reflektiert und elegant ist die Schau als Ganzes. Zwar werden uns stellenweise drastische Szenerien zugemutet, etwa in Christian Boltanskis Film ‹L’homme qui tousse›, 1969, in der ein am Boden sitzender Mann pausenlos Blut hustet, bis sein Gesicht, sein Körper, der ganze Raum in Rot getaucht sind. Doch die Hammerschläge sind wohldosiert, immer wieder unterbrochen von Werken mit einem distanzierten, analytischen Zugang zu den aufgegriffenen Themen.
Wie Enwezor die Besuchenden zur zentralen Arena mit Live-Performances hinführt, ist ein inszenatorisches Meisterstück: Ein Gespräch von Isaac Julien mit dem amerikanischen Marx-Experten David Harvey wird von ‹Demonstration Drawings›, 2006–15, gerahmt, die Rirkrit Tiravanija bei thailändischen Künstlern in Auftrag gegeben hat. Eine Treppe rauf, und wir finden uns wieder im selbstreflexiven ‹Jardin d’Hiver›, 1976, von Marcel Broodthaers, in dessen Garten die Funktion von Retrospektiven hinterfragt wird, aber auch Begriffsfelder wie Exotismus und Kolonialismus mitschwingen. Durch einen schmalen Korridor weiter, die Geräuschkulisse steigt und mit ihr die Neugier – und plötzlich öffnet sich die mit rotem Samt ausgekleidete Arena, wo gerade aus Marx’ ‹Kapital› rezitiert oder Arbeiterlieder geschmettert werden.
Es sind Passagen wie diese, die auf zurückhaltende und zugleich fordernde Art die Absicht des Kurators vermitteln: Die Biennale als einen lebendigen Ort zu erfahren und als vibrierenden Reflexionsraum, in dem das ausgebreitete assoziative Geflecht weitergesponnen werden kann. Die Gegenüberstellung von Walker Evans Fotografien ‹Let us now praise famous men› aus den krisengeschüttelten USA der Vierzigerjahre mit den sehr kunstvoll auf Sockeln präsentierten Architekturmodellen von Isa Genzken lässt durchaus unterschiedliche Interpretationen zu. Im Realitätstest, den diese Ausstellung forciert, überwiegen aber der zynische Aspekt und eine gewisse Banalität «kunstiger» Kunst. Lieber versinkt man da in ‹Vertigo Sea›, 2015, einer gross­artigen Dreikanalprojektion von John Akomfrah, in der uns der ghanaische Künstler die ganze Schönheit und das ganze Elend dieser Welt zu Füssen legt. Wir reisen mit ihm durch das koloniale Britannien, sehen, wie tote Menschenkörper an pittoreske Sandstrände gespült werden, werden Zeugen, wie brutal die grössten Säugetiere der Welt, die Wale, gejagt und geschlachtet werden, bestaunen die betörende Unterwasserwelt vor Haiti und folgen Eisbären über endlose Gletscherwüsten und Eisschollen, bis sie, durch einen Gewehrschuss getroffen, zusammensinken.

Gegen den etablierten Kanon
Grossausstellungen wie die Biennale Venedig oder die Documenta Kassel sind immer auch Ausdruck einer Weltsicht, einer Wissensordnung und eines Wertesystems. Sie bieten sich deshalb an, über den Zustand der Gegenwartskunst nachzudenken, der sich immer weniger als einheitlich oder in der Entwicklung folgerichtig erweist. So postulieren die letzten drei Biennalen völlig konträre Konzepte: Hatte ­Bice Curiger unter dem Titel ‹Illuminations› 2011 die Erkenntniskraft der Kunst in den Vordergrund gestellt, präsentierte Massimiliano Gioni 2013 einen auf das Obskure, Obsessive ­fokussierten ‹Enzyklopädischen Palast›, der viele Outsider mit einschloss.
Enwezor wiederum, der 2006 mit der Documenta 11 den Akzent auf nicht-westliche, politische Kunst gelegt und damit die postkolonialen Machtsymmetrien des Kunstbetriebs in Frage gestellt hatte, präsentiert auch diesmal eine Schau, die sich gegen den marktdominierten Kunstdiskurs stellt. Mit der Integration historischer ­Positionen politischer Konzeptkunst wie Broodthaers oder Hans Haacke untermauert er den Anspruch, eine andere Geschichte der Gegenwartskunst zu postulieren, die nicht an den Grenzen Westeuropas und der USA endet. Gleichzeitig hat er die Nonchalance, auch Kunstschaffende einzuladen, die im etablierten Kunstbetrieb einen festen Wert verkörpern, etwa Andreas Gursky oder Marlene Dumas. Sein Ansatz zielt also nicht darauf, den Kanon völlig ausser Kraft zu setzen, sondern ihn zu erweitern.
Dass Enwezor Marx als Kronzeugen aufruft, ihn gar zum Künstler und sein ‹Kapital› zum Kunstwerk erklärt, bedeutet nicht eine Depolitisierung der kontroversen Figur, sondern vielmehr eine Politisierung der Veranstaltung Biennale. Denn diese Geste macht unmissverständlich klar, dass diese Biennale keinen «radical chic» und keinen «Habitus des Kritischen» (Helmut Draxler) pflegt, sondern als politische Kampfansage zu verstehen ist. Ob die Botschaft auch tatsächlich in der Kunstwelt ankommt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
Edith Krebs, Kunsthistorikerin, Leiterin SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz. edithkrebs@hispeed.ch

Bis: 22.11.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen 56. Biennale di Venezia [09.05.15-22.11.15]
Institutionen La Biennale di Venezia [Venezia/Italien]
Autor/in Edith Krebs Nduakasa
Künstler/in Christian Boltanski
Künstler/in Oscar Murillo
Künstler/in Rirkrit Tiravanija
Künstler/in Marcel Broodthaers
Künstler/in Walker Evans
Künstler/in John Akomfrah
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