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Fokus
7/8.2015


 In der sorgfältig inszenierten Schau ‹Slip of the Tongue› spinnt der Künstler-Kurator Danh Vo, ausgehend von eigenen Arbeiten, ein dialogisches Netz zu Werken aus der Sammlung Pinault. In lockerem, poetischem Zusammenspiel berühren die Werke Themen wie Krieg, Kolonialismus, Leben und Tod.


Pinault/Slip of the Tongue - Versprecher und Ausrutscher


von: Barbara Fässler

  
links: Nairy Baghramian · Slip of the Tongue, 2014, Gummi, Epoxidharz, Beton, Polystyrol, Farbe, 8 Skulp­turen, Grösse variabel, Courtesy Galerie Buchholz Berlin/Köln und kurimanzutto, Mexico City
rechts: Robert Manson · Travaux des champs et animaux de la ferme, c. 1950. Pinault Collection


Wo der Canal Grande in den Giudecca-Kanal mündet, gibt die Spitze des dreieckigen Gebäudes ‹Punta della Dogana› endlich den Blick frei. Während der venezianischen Republik wurden hier die Güter des Meereshandels am Zoll abgefertigt. In der Ausstellung ‹Slip of the Tongue› nimmt der vietnamesische Künstler Danh Vo diese Schnittstelle zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf, ausgehend vom eigenen Leben, das 1975 - kurz nach dem Ende des Vietnamkriegs - seinen Anfang nimmt und von Auswanderung und Multikulturalität geprägt ist: Studium in Kopenhagen und Frankfurt, aktueller Lebensort Mexiko.
Bereits im ersten Raum hängt sein Werk ‹08:03, 28.05›, ein Kronleuchter aus dem Ballsaal des Ex-Hotels Majestic in Paris, in welchem 1973 der Frieden von Vietnam besiegelt wurde. Darauf folgt eine Fotografie von Robert Manson, eine offene Hand, die eine Heuschrecke schützend birgt. Ein klares Statement: Geschickt verbindet der Künstler-Kurator seine Biografie mit der Geschichte und sein Agieren mit den ­Werken aus der Sammlung Pinault. Das Kuratieren selbst wird thematisiert und in seinem sammelnden, aber auch pflegenden Aspekt - curare = to take care of - als sinnstiftender Akt verstanden. Die Dialoge zwischen den eigenen Ready-Mades und den Werken der anderen machen den Vorgang des Ausstellens zum kreativen Prozess im Sinne Duchamps: Die Auswahl des Gegenstands und dessen Inszenierung in Bezug zu anderen Objekten generiert Bedeutung. Die Ready-Mades stammen von Marcel Broodthaers, David Hammons, Bertrand Lavier oder Piero Manzoni. Während Leonor Antunes funktionslose Zügel zu Zufallszeichnungen im Raum verkommen, betiteln Elmgreen & Dragset ihr durch eine Scheibe unbrauchbar gewordenes Trampolin als ‹Machtlose Struktur›. Der Austausch reicht oft ins wirkliche Leben: So versucht Roni Horn mit dem ‹Gold Field› ihren an Aids erkrankten Freunden Felix Gonzales Torres und Ross Laykock mehr Licht zu schenken, und Torres selbst kreiert mit ‹Untitled› (Portrait of Julie Ault) ein konzeptuelles Abbild, in dem Daten von der porträtierten Künstlerin selbst ständig neu ergänzt werden, über den Tod des Autors hinaus.
‹Slip of the Tongue› ist der Titel einer Installation von Nairy Baghramian aus acht an einer Glasvitrine lehnenden Harzobjekten. Die Bedeutung des Titels - ‹Zungenausrutscher› oder besser Versprecher - erklärt Vo gleich selbst: «Gute Kunst ist eine Art Versehen: etwas zu sagen, das man eigentlich nicht sagen sollte.»
Barbara Fässler ist Künstlerin, Theoretikerin und Kuratorin, lebt in Zürich und Mailand.
barbarasic.faessler@gmail.com


Bis: 22.11.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Slip of the Tongue [12.04.15-10.01.16]
Institutionen Palazzo Grassi [Venezia/Italien]
Institutionen Punta della Dogana [Venezia/Italien]
Autor/in Barbara Fässler
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