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Besprechung
7/8.2015


Feli Schindler :  Hunderte von schwarzen Griffeln hat der junge Künstler Tobias Nussbaumer durchgescheuert, um dem Kunstraum Baden eine neue Architektur zu verpassen. Wie ein Besessener zeichnet der Basler seine Umgebung ab und führt einen damit in die Irre - wenns sein muss auch mit einem Katzenbaum.


Baden : Tobias Nussbaumer - Charme der Vorstadtarchitektur


  
Tobias Nussbaumer · Installationsansicht 2015. Foto: Kunstraum Baden


In der Städtischen Galerie wimmelt es von Menschen, die sich Zeichnungen ansehen, auf denen keine Menschenseele anzutreffen ist. Tristesse einer einsamen Agglo-Seele? Nicht so an der Vernissage. Da ist Gelächter zu vernehmen, denn die Wege führen hinter gezeichnete Fassaden, an realen und schraffierten Säulen vorbei immer wieder in ein kleines Zimmer mit drei Jalousien und frisch ausgelegtem Parkett. Auf einer Zeichnung an der Wand sind winzigste Unterschiede auszumachen. Und selbst die Kuratorin Claudia Spinelli taucht wie der Klon ihrer selbst wiederholt in dem Raum auf, obwohl sie ihn nachweislich verlassen hat. Und erst allmählich ­kapiert man. Same same but different: Der Künstler hat zwei identische Zimmer mit Eingängen und Ausgängen spiegelverkehrt in die Galerie gebaut und darum herum eine Geisterstadt aus Modulen, Zeichnungen und Fluchten hochgezogen.
Wer Tage später allein durch die kafkaeske Installation schleicht, dem ist indes nicht mehr zum Lachen zumute. Schraffierte Betonelemente, einsame Schulhöfe und künstliche Wiesen hängen schwer und düster auf riesigen Papierbögen im Raum. Man guckt hinter die Panels, öffnet Türen und klappt Jalousien auf. «Ich mag Module. Ich schaffe mir aus meiner unmittelbaren Umgebung und aus der Erinnerung heraus eigene Orte», sagt Tobias Nussbaumer (*1987). Keine Frage, der Künstler, der mitten im Abschluss zum Master of Fine Arts an der FHNW Basel steckt, ist ein Kind seiner Zeit. Mit der Betonästhetik der unterkühlten Neunzigerjahre gross geworden, gewinnt er dieser sogar Charme ab. «Ich verstehe meine Installationen und Zeichnungen als grosse Bühne mit Protagonisten, die mich konstant fesseln: Unterführungen, Durchgänge, Mauern, Säulen und Katzenbäume», erzählt er.
Katzenbäume? «Das klingt absurd. Aber der Katzenbaum ist ein neutrales Objekt, nicht so bedeutungsschwanger wie andere Dinge.» Räume sind Denkräume - mehr noch - sie lassen tief in die menschliche Seele blicken. Formales kippt ins Existenzielle und man fragt: Wie verlaufen die Perspektiven - auf der Zeichnung, im Leben? Stützen die Säulen das Fundament - die Gesellschaft? Wo täuschen sie Stabilität vor? Weshalb wirft die oberste Sprosse einer Leiter keine Schatten? Macht ein Katzenbaum zur falschen Zeit am falschen Ort das Büsi glücklich? Nussbaumer transformiert Banales in Hintergründiges und umgekehrt. Mit sicherem Strich versteht er es, alle Schattierungen des Lebens auszuloten. Eine tolle Arbeit.

Bis: 19.07.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Tobias Nussbaumer [23.05.15-19.07.15]
Video Video
Institutionen Kunstraum Baden [Baden/Schweiz]
Autor/in Feli Schindler
Künstler/in Tobias Nussbaumer
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