Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2015


Markus Stegmann :  Daniela Keiser zeigt neue Arbeiten, die nicht nur medial, sondern auch inhaltlich einen weiten Fächer öffnen. So unterschiedlich sie zunächst erscheinen, eint sie doch ein traumwandlerisches Schweifen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es entsteht der Eindruck, als schlafe die Zeit.


Basel : Daniela Keiser - Als schlafe die Zeit


  
Daniela Keiser · Rad, 2015, Video, s/w, ohne Ton, 49', Courtesy Stampa Galerie, Basel


Ein Mädchen schlägt ein Rad - am Meer, in den Bergen, auf gepflasterten Wegen und an vielen Orten mehr, ‹Rad›, 2015. Langsam ineinanderfliessende Einzelbilder zeichnen das Radschlagen nach und versetzen uns durch die Verlangsamung des Films in eine andere Wirklichkeit. Die Entmaterialisierung der Bilder und der Verzicht auf Farben verstärken den Eindruck, als entziehe sich diese Szene unserer greifbaren Wirklichkeit. Indem sich Bilder sanft überlagern, entstehen Augenblicke, in denen sich der Körper des Mädchens in mehrere Arme und Beine verzweigt. Für einen bangen Moment bleibt offen, ob der zergliederte Körper wieder zu sich zurückfinden wird. Der spontane Ausdruck von Spiel und sportlichem Ehrgeiz wandelt sich in der raumfüllenden Videoinstallation in eine überzeitliche Metapher für Lebensfreude und den Willen, sich als Heranwachsende eine eigene Welt zu bauen. Mit dem Radschlagen verlässt das Mädchen den festen Boden, dreht sich um sich selbst, um wieder auf dem Boden zu landen, der nun aber ein neuer, weil selbst gewonnener Boden ist. So spielerisch und unspektakulär die Arbeit zunächst anklingt, öffnet sich bei eingehender Betrachtung ihre existenzielle Dimension.
In der 55-teiligen Fotoserie ‹bergen›, 2011-13, entwirft Daniela Keiser (*1963, Neuhausen) ein vielstimmiges Panoptikum belanglos scheinender Natur, die auch ferne Siedlungen einbezieht. Die kleinen Schwarzweiss-Formate zeigen träumende Landschaften in sanfter Ruhe, einzelne Jugendliche sich darin verlierend und immer wieder ein Rad schlagendes Kind, das seine spielerische Unschuld in die wilden Wiesen streut. Erst wenn man erfährt, dass die Aufnahmen von verschiedenen Trümmerbergen in Berlin und Umgebung stammen, wird plötzlich beklemmend klar, welch belastende Vergangenheit unter der romantisch wuchernden Grasnarbe schläft.
Eine horizontlose Landschaft aus kleinteiliger Felderwirtschaft und waldigen Hügeln erstreckt sich im 40-teiligen fotografischen Wandbild mit dem Titel ‹Cyanogarten›, 2015, das auf eine seltene Technik verweist, die Cyanotypie. Mit ihrem intensiven, monochromen Blau entfernt sich die Arbeit von rein abbildenden Zielen und verwandelt die Gegenwart in latente Vergangenheit, deren Grenzen zu Gegenwart und Tagtraum fliessend sich verschlaufen. Durch die enorme Grösse der Arbeit tauchen die Betrachtenden nicht nur in die fremd-vertraute Gegend ein, sondern vergessen, ob sie wachen, träumen oder schlafen.

Bis: 30.08.2015



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Daniela Keiser [03.06.15-29.08.15]
Institutionen Galerie Stampa [Basel/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Daniela Keiser
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=150703082311PAN-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.