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Besprechung
7/8.2015


Eva Dietrich :  Spätestens seit der Romantik wurden Kristalle zu wichtigen künstlerischen Inspirationsquellen. Den mit ihnen verbundenen Visionen von Verwandlung, von Unsterblichkeit oder einer geometrischen Weltordnung widmet das Kunstmuseum Bern eine Ausstellung.


Bern : Kristalle in der Kunst - ein Versprechen der Verwandlung


  
Michail Matjuschin, Selbstporträt «Kristall», 1917, Öl auf Leinwand, 68x37,5 cm, Courtesy Museum Ludwig, Köln


Kristalle wirken geheimnisvoll. Sie wachsen in absoluter Dunkelheit und funkeln wie Sonnenlicht, sie sind aus harter Materie, aber durchsichtig, so, als hätten sie alle Erdenschwere überwunden. In Kristallen liegt ein Versprechen der Verwandlung, wie ein Totenschädel aus Kristall aus dem Musée du quai Branly zum Auftakt der Ausstellung ‹Stein aus Licht. Kristallvisionen in der Kunst› zeigt. Mehr Licht als Stein, verkörpert der Kristallschädel mit seiner Transparenz, dem lebendig wirkenden Funkeln und der Dauerhaftigkeit die Hoffnung auf ein ewiges Leben sterblicher Materie in verwandelter Form.
Die Ausstellung beleuchtet Kristalle als Inspirationsquellen in der Kunst mit rund hundert Werken, mehrheitlich handelt es sich um Malerei. In chronologischer Abfolge von der Romantik bis in die Gegenwart fächert sie Aspekte des Kristallinen auf, die von der Bergmalerei über architektonische Kristallvisionen in die Abstraktion führen.
In der Malerei tauchen Berge seit dem späten 18. Jahrhundert in betont kristalliner Zuspitzung auf. Alexandre Calames (1810-1864) ‹Le grand Eiger›, 1844, zeigt den Eiger als gigantischen, von der Sonne beleuchteten Kristall, ein Symbol für die Erhabenheit der Bergwelt. Diese majestätischen Visionen von Natur gehen in der Moderne zunehmend in futuristische Architekturvisionen über. Bruno Taut (1880-1938) zeichnete in seinem grafischen Mappenwerk ‹Alpine Architektur› tempelartige Zukunftswerkstätten in den Alpen. Das Motiv des Kristallinen wird hier zur utopischen Form einer geistigen Zukunft der Menschheit. Kristalle sind aus geometrischen Gitterstrukturen aufgebaut, in denen Kunstschaffende eine der Welt zugrundeliegende Ordnung sahen, die sie in abstrahierenden Kompositionen sichtbar machten. Adolf Hölzels Gemälde werden durch Kompositionsgerüste gehalten, Franz Marcs Tierbilder sehen die Natur durch die Facetten eines Kristalls, Klee identifizierte sich selbst in einem bekannten Dictum mit einem Kristall und behauptete so seine künstlerische Unantastbarkeit in einer geistigen Welt gegenüber Kriegsgräueln und Tod.
Die Faszination für die spannungsvollen Eigenschaften des Kristallinen bleiben auch in der Gegenwartskunst ungebrochen. Mehrere Arbeiten aus der Serie ‹Stones› von Robert Zandvliet (*1970) zeigen Kristalle als vielschichtig gebrochene, halbtransparente und in allen Farben schimmernde Gebilde, die noch immer wie ein gros­ses Versprechen leuchten.

Bis: 06.09.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Kristallvisionen in der Kunst [24.04.15-06.09.15]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Eva Dietrich
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