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Besprechung
7/8.2015


Katharina Holderegger Rossier :  Im CAC in Genf gastiert zurzeit die erste Station einer evolutiven Retrospektive zum einzigen exklusiven Maler und Zeichner im Orbit der Arte Povera, Giorgio Griffa. Wenn auch leider in ­Sälen unter Tag, ist darin eine erlesene Auswahl der berückenden ­Gemälde des lange vergessen Künstlers zu entdecken.


Genève : Giorgio Griffa - Malerei in das Lebendige übersetzen


  
Giorgio Griffa · ‹Une retrospective, 1968-2014›, Centre d'art contemporain, 2015, Ausstellungsansicht. Foto: Annick Wetter


Wie sehr es in der Rhonestadt an Orten fehlt, in denen Malerei ideal ausgestellt werden kann, wird einem in der Retrospektive von Giorgio Griffa (*1936, Turin) bewusst. Es geht dem - wie alle italienischen Avantgardisten/innen der Sechziger- und Siebzigerjahre vom Monismus der deutschen Romantik angeregten - Künstler um ein materielles und geistiges Ereignis inmitten kosmischer Kräfte, wenn er von seinem Pinsel aus Spuren in zarten Rosa-, Purpur-, Ocker- und aquatischen Tönen in das vor ihm liegende Gewebe sickern lässt. Griffas Malerei muss mit Sonnenergie «kopulieren» (so er selbst), damit sich das schiere Glück über das Sein aller Dinge einstellt, das man unabhängig von Lebenslage und Tageslaune empfinden kann.
Griffa entwickelte bis 1968 eine extrem intelligente objektivierte Malerei, die durch ein offen gelegtes Malen alla prima testet, wie viel einem Kunstwerk fehlen kann, damit es noch als solches erkannt wird. Seine Bedeutung als abstrakter Maler liegt indes wohl darin, dass es ihm gelingt, die koloristische Tradition, die in der Moderne vom späten Monet über den reifen Matisse zum Color Field Painting führt, mit der mehr auf das Disegno, das Zeichnerische gerichteten Sensibilität zu verbinden. Grundsätzlich schöpft Griffa jedoch aus dem malerischen Weltgedächtnis. In Bezug zum Künstler und seinen Rezeptienten/innen sind schon viele Momente und Namen genannt worden. Der Sache näher kommt man aber vermutlich, wenn man in Griffa vor allem einen höchst aufmerksamen Übersetzer erregender Details sieht. So finden in seiner Malerei nicht die Hirsche und Bären der Höhlenmalerei ein Echo, sondern die ominösen Zickzacke darum herum, nicht die Madonnen gotischer Altäre, sondern die Muster der perlmuttfarbigen Engelsflügel darüber. Und man kann sich fragen, ob im Gittermuster, das sich durch das Falten der Leinwände ergibt, nicht letztlich eine Version des ähnlich strukturierten Goldgrunds mittelalterlicher Ikonen nachklingt.
Noch ist gewiss nicht alles über Griffa gesagt worden. Das lärmige Zurück zur figurativen Malerei in Italien (Transvangardia) trieb ihn nach 1979 trotz ersten Grundsteinen eines internationalen Rufs fast beschämend ins Abseits. Erst 2007 hat ihn der NY-Galerist Casey Caplan wieder ins Gespräch gebracht. Die jetzt im CAC gestartete von Andrea Bellini kuratierte Retrospektive ermöglicht erstmals einem breiten Publikum die Entdeckung dieses berückenden Werks.

Bis: 23.08.2015


Publikation, hg. Andrea Bellini



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Giorgio Griffa [29.05.15-16.08.15]
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Giorgio Griffa
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