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Besprechung
7/8.2015


Alice Henkes :  Ist die Welt so, wie die Wissenschaften sie abbilden? Chris­tian Andersson setzt sich in seiner Arbeit auf subtile Weise mit Denkmustern in Kultur und Wissenschaft auseinander. Unter dem Titel ‹Legende› präsentiert der schwedische Künstler seine erste Schweizer Museumsschau.


Thun : Christian Andersson - Kunstmuseum Thun


  
links: Christian Andersson · Angel oft the Hearth, 2011, Rostfreier Stahl, Gips, 125x110x75 cm, Ausstellungsansicht von Bartha S-Chanf. Foto: Andreas Zimmermann
rechts: Christian Andersson · Scanner (Plate I, IV, V, VI, VII), 2012, (Detailansicht Plate VI), MDF, Strom, Motor, rostfreier Stahl, Acrylglas, 180 x 30 x 30 cm, Sammlung von Bartha, Basel. Foto: Andreas Zimmermann


Die Vitrine, in der eine Nachbildung des Schädels von Lucy steht, erinnert an naturhistorische Museen. Lucy, deren Schädel 1974 entdeckt wurde, gilt als ­älteste Vorfahrin des heutigen Menschen. In Christian Anderssons (*1973, Stockholm) Installation ‹From Lucy with Love», 2011, schaut die Urfrau auf einen Scheinwerfer, der zwei Schatten an die Wand wirft. Doch das Schattenspiel mit dem anspielungs­reichen Titel ‹F for Fake›, 2002, ist nur aufgemalt. Neben Lucy steht die Nachbildung ihres Schädels. Lange galten Neandertaler als ausgestorbener Nebenzweig der Evolution. Neuere Forschungen rücken ihn wieder näher an den Homo sapiens.
Andersson beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit der Frage, wie wir Erkenntnisse über unsere Welt zu erlangen zu suchen und was wir in unserem kollektiven Gedächtnis speichern. Unser Weltbild setzt sich zusammen aus Wissen und Illusionen in wechselndem Mischungsverhältnis. Der Grat zwischen gesichertem Wissen und Spekulation ist schmal. Neue Erkenntnisse, neue Interpretationen können ganze Theorien zum Einsturz bringen. Neandertaler sind plötzlich nahe Verwandte.
Der menschliche Wissensdrang hält sich nicht nur mit Knochen auf. Er geht tiefer. Der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach glaubte, Einblicke in das Seelenleben seiner Patienten zu erhalten, indem er ihnen Tintenklecks-Karten vorlegte. Der umstrittene Rorschachtest wurde im gleichen Jahrzehnt publiziert, in dem Mies van der Rohe den Barcelona-Pavillon einrichtete, der als stilbildend für die Moderne gilt. Andersson verweist auf das zeitliche Nebeneinander geheimnisvoller Seelenschau und kühler Sachlichkeit, indem er in Sichtnähe zueinander die Kopie eines zerlegten Barcelona-Sessels und auf Sockeln rotierende Rorschachtest-Bilder installiert.
Wissenschaftlichkeit und intuitives Denken sind einander näher, als es scheinen mag. Andersson zeigt die vermeintlichen Gegensätze als zwei Seiten einer Medaille und meldet Zweifel daran an, ob der strengen Wissenschaft immer der Vorzug zu geben sei. Ganz wie Thomas Bernhard es einst so schön formuliert hat: Mit der Klarheit nimmt die Kälte zu. Skepsis grundiert auch das Video ‹Dreamcatcher›, 1997/2015. Ausgehend von Giorgio de Chiricos Gemälde ‹Le cerveau de l'enfant›, 1914, entwickelt der Film das Szenario einer Zukunft, in der Träume gefilmt werden können. Andersson antipiziert, woran einige Neurologen längst forschen: eine Wissenschaftlichkeit, die totale Kontrolle bisher verborgener Vorgänge erlaubt.

Bis: 16.08.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Christian Andersson [13.06.15-13.08.15]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Christian Andersson
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