Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2015


Philipp Spillmann :  ‹Toys Redux›, das heisst etwa so viel wie «wiederbelebtes Spielzeug». Ein Titel, mit dem die aktuelle Ausstellung im Migros ­Museum für Gegenwartskunst bereits andeutet, zu welch makabren Fragen sie provozieren will - ausgehend von der triefend kitschigen Pop-Ästhetik der Spielwarenindustrie.


Zürich : Toys Redux - Kinder sind Geld


  
links: Jan Peter Hammer · The Jungle Book, 2013, HD-Video (Farbe, Ton), 17'24'', Videostill, Courtesy Supportico Lopez, Berlin
rechts: Julia Wachtel · Local, 2011, Öl auf Leinwand, 102x218 cm, Courtesy Vilma Gold, London. Foto: Etienne Frossard


Was ist wiederbelebtes Spielzeug? Was ist Spielzeug, wenn es etwas ist, das wiederbelebt werden kann? Und was ist dann totes Spielzeug? Natürlich, den Titel sollte man nicht allzu wörtlich nehmen. Zumindest nicht sofort. Aber alles der Reihe nach: ‹Toys Redux - On Play and Critique› ist eine Ausstellung, bei der sich Kunstschaffende Objekte, Ästhetiken und Narrative aneignen, die vorwiegend für Kinder und Jugendliche produziert wurden. Videospiele bspw. oder TV-Sendungen. Aneignen heisst, dass sie Bildwelten, mit denen Spielzeugkonzerne ihre Zielgruppen adressieren, einsetzen, um deren Weltbilder und Marktstrategien zu entlarven.
Beispielhaft dafür ist der Film ‹The Jungle Book›, 2013, von Jan Peter Hammer (*1972). Er inszenierte ein Handpuppentheater mit bunten Socken-Figuren, die sich über den Kapitalismus unterhalten. Drei Kinder treffen auf zwei Erwachsene, die ihnen erbarmungslos erklären, dass die neoliberale Marktwirtschaft die einzig sinnvolle Ordnung ist. Im Gegensatz zu echten derartigen Sendeformaten sind die Ausführungen hier äusserst komplex. Das Video ist praktisch nicht in der Lage, seiner «Zielgruppe» die besprochene Ideologie zu vermitteln. Dennoch räumt es ihr eine zentrale Rolle ein: «Children are money». Kinder stehen also ausserhalb einer Dikussion, mit der über sie verhandelt wird. Sie werden zu blossen Statisten eines Weltbilds, das ihnen präsentiert wird. Dekonstruktionen wie diese bevölkern einen grossen Teil der Ausstellung. Etwa Julia Wachtels (*1956) Gemälde, auf denen sie die Stereotypie von Comicfiguren und Videospiel-Umwelten freilegt, indem sie diese überstilisiert: flach, ausdruckslos und fast militärisch aufgereiht. Oder Harun Farockis (*1944) Video­installation ‹Parallele I-IV›, 2014, bei der die Kamera in die Oberflächen verschiedener Computerspiele eindringt und sie per Kommentar auseinandernimmt: «The surface of the water is nothing but surface. There is no water below it.»
Die Inszenierung eine Etage höher driftet ab in eine direktere Kapitalismuskritik und breitere Auffassung von Pop-Ästhetik. Dafür hätte es andere Themen gegeben. Etwa die Rolle der Fast-Food-Industrie oder der mobilen Technologie. Wirklich stören tut das aber nicht. Die Schau zeigt spielerisch, wie die triefend kitschige Pop-Ästehtik der Spielwarenindustrie zum Mittel werden kann, um sich von ihrem Produktionsapparat zu emanzipieren. Wiederbelebtes Spielzeug wäre dann Spielzeug, das davon befreit worden ist. Was erstaunlicherweise total romantisch klingt.

Bis: 16.08.2015



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Toys Redux - On play and critique [30.05.15-16.08.15]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=150703082311PAN-16
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.