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Besprechung
7/8.2015


Niklaus Oberholzer :  Rund hundert ‹Madonna›-Gemälde und ebenso viele Aquarelle erotischen Inhalts und damit zwei grosse und für das Schaffen Hans Schärers bedeutende Werkgruppen zeigt das Aargauer Kunsthaus. Seit Langem erfährt der Schweizer Maler erstmalig wieder eine museale Würdigung.


Aarau : Madonnen und Erotische Aquarelle


  
links: Hans Schärer · Madonna, 1977, Öl, plastische Masse, Leinen auf Hartfaserplatte, integraler Holzleistenrahmen, 96x87 cm ©ProLitteris
rechts: Hans Schärer · Madonna, 1967-68, Öl, Kieselsteine, Knöpfe und Glas auf Hartfaserplatte, integraler Holzleistenrahmen, 95x72 cm ©ProLitteris


Auch wer Hans Schärers (1927-1997) Werk zu kennen glaubt, wird überrascht sein ob der Fülle und Vielfalt seiner wohl wichtigsten Werkgruppe der ‹Madonnen›. Seit Mitte der Sechzigerjahre widmete er sich diesem Thema, das man in Verbindung mit christlichen Mariendarstellung sehen mag, das sich aber auch sehr viel breiter rezipieren lässt: Im Gegensatz zu den meisten seiner Luzerner Künstlerkollegen wächst er ja nicht in der katholisch geprägten Bilderwelt der Innerschweiz, sondern in Bern auf. Erst mit etwa dreissig Jahren übersiedelt er nach Luzern. Geradezu bestürzend wirkt, vor allem, wenn man den ‹Madonnen› in so stringenter Präsentation wie in Aarau und gleich hundertfach begegnet, die Obsession, mit der Schärer sich des Themas annimmt. Seine Madonnen sind hoch aufragende, armlose Halbfiguren mit markanten Gesichtszügen - mit Augen, die uns anstarren, mit Mündern voller fletschender Zähne, die einen zu fressen drohen. Die dick aufgetragenen Farbschichten, in die der Künstler einbezog, was er gerade vorfand, Haare, Textilien, Muscheln, Steine, Nägel, Farbtuben, bezeugen eine sich oft über Jahre hinziehende Beschäftigung mit einzelnen Bildern. Er übermalte und veränderte sie, vergrub sie mitunter im Garten oder vernagelte sie mit Brettern. Schärers ‹Madonna› ist in anarchisch kruder Malweise Bild gewordene Ur-Frau und gleichzeitig Bannen des Sexus an der Grenze der Geschlechter: Die Kontur erinnert trotz eindeutiger Weiblichkeit und trotz eines häufig auf den Torso applizierten Mals in Vagina-Form an Phallisches.Schärer trieb sein Spiel mit der bedrohlichen ‹Madonna› und erprobte alle Varianten von Form, Farbgebung, Pinselduktus, Oberflächengestaltung und Materialvielfalt.
Die von Madelaine Schuppli betreute Ausstellung gibt erstmals derart breit Einblick in Schärers ‹Madonna›-Produktion und setzt mit der Präsentation von rund 100 zeitgleich entstandenen erotischen Aquarellen einen sarkastischen Gegenpol. Diese zeigen drastischste sexuelle Szenen - Frauen mit prallen Brüsten und Gesässen, mit blutroten Zungen und fletschendem Gebiss. Sie masturbieren, reiten auf riesigen Penissen, die sie mitunter auch anbetend verehren. Den Männern gibt Schärer angesichts dieser die Dramatik der ‹Madonna› wie ein Satyrspiel karikierenden Orgien weiblicher Lust nur die Rolle der mickrigen kleinen Wichte.

Bis: 02.08.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Hans Schärer [01.05.15-02.08.15]
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Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Hans Schärer
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