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7/8.2015




Berlin : Kultur der Affen


von: Miriam Wiesel

  
links: Rosemarie Trockel · Untitled, 1984, ­Gouache, Tusche auf Papier, 23,8x19,8 cm/ 50,2x40,2 cm, Courtesy Ken & Helen Rowe; Sprüth Magers ©ProLitteris. Foto: Schaub
rechts: Nagisa Oshima · Max, Mon amour, 1986, Ailsa Berk, Charlotte Rampling (Filmstill), digitale Übertragung von DigiBeta, Farbe, Ton, 92', Courtesy Studiocanal GmbH, Berlin


Das binäre Konzept von Kultur und Natur, das ausbeuterisches Verhalten legitimieren und Kosten externalisieren soll, ist im Anthropozän kollabiert. Solange es keine andere Welt gibt, werden «WIR» zusammenrücken müssen. Das «Verschwinden des Aussen» korrespondiert nun aber auch mit dem Einreissen innerer Grenzen: der konzeptuellen Trennung von Mensch und Tier.
In den Sechzigerjahren war es erstmals möglich geworden, frei lebende Affen zu beobachten. Was ganz andere Verhaltensmuster zum Vorschein brachte als jene, die zuvor generalisiert worden waren: Werkzeuggebrauch, soziale Fähigkeiten, Lernen von anderen. Der Schweizer Primatologe Christophe Boesch trifft darum den Nagel auf den Kopf, wenn er fragt: «Is culture a golden barrier between human and chimpanzee?» und Beispiele anführt, die unser letztes Distinktionsmerkmal - Kultur - für obsolet erklären. Ähnlich verfährt der britische Künstler Marcus Coates. Sein Fragenkatalog - Halten Sie die Hand auf zum Betteln? Schauen Sie gern den Sonnenuntergang an? Lösen Sie die Probleme anderer? - ist eine subtile Provokation. Denn nicht nur genetisch verbindet uns mehr mit Schimpansen, als uns lieb ist.
Was erlaubt uns dann, Primaten - Herrentiere wie wir - für wissenschaftliche Zwecke einzusetzen, ihre Würde und körperliche Integrität zu verletzen? Der amerikanische Regisseur Frederick Wiseman zeigt in seinem erschütternden Dokumentarfilm ‹Primate›, 1974, welcher Grausamkeit Menschen fähig sind, die ihren Untersuchungsgegenstand objektivieren. Erkenntnis um welchen Preis?
Wie in Trance folgt die Kamera einem als Kellnerin gekleideten, abgerichteten Affen, der durch ein Restaurant im zerstörten Fukushima läuft. Wenn er mit seiner falschen Haarlocke spielt oder uns durch seine weisse Gesichtsmaske anblickt, überfällt uns ein Schauer. Almost human? Der Film ist eine Meisterleistung des französischen Künstlers Pierre Huyghe und allein schon den Besuch dieser weiteren genialen Ausstellung im HKW wert, die künstlerische und theoretische Positionen verschränkt und uns unsere haarigen Verwandten auf vielen Ebenen näherbringt. «Jedes Tier eine Künstlerin», wie Rosemarie Trockel lapidar das in die Welt männlicher symbolischer Ordnung Hereinbrechende fasst. Als Postskriptum zum 2014 abgeschlossenen Anthropozän-Projekt bürstet ‹Kultur der Affen› die dem schillernden Konzept Anthropozän inhärenten Allmachtsfantasien gegen den Strich. Mit Publikation.

Bis: 06.07.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Kultur der Affen [30.04.15-06.07.15]
Institutionen Haus der Kulturen der Welt [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
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