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7/8.2015




Grenoble : Dan Perjovschi


von: Alice Henkes

  
Dan Perjovschi · Pression Liberté Expression, 2015, Ausstellungsansicht Centre National d'art Contemporain in Grenoble


Ist Freiheit das Gegenteil von Sicherheit? Oder ist sie umgekehrt ohne diese gar nicht denkbar? Und was bedeutet überhaupt Sicherheit, wenn man sie vom Anspruch der Freiheit her betrachtet? Leicht lassen sich lange, kluge, komplexe Abhandlungen über die Frage nach dem Wert von Freiheit und Sicherheit in unseren westlichen Gesellschaften schreiben. Dan Perjovschi (*1961) bringt den aktuellen, praktischen Teil der Debatte mit ein paar Strichen auf den Punkt. Er schreibt in Blockbuchstaben LIBERTÉ an die Wand. Anstelle des Accent aigu zeichnet er eine Überwachungskamera über das letzte E.
Das wahre Leben findet in den Zeitungen statt. Dieses Postulat des grossen österreichische Autors und Zeitungslesers Thomas Bernhard lässt sich auch auf Dan Perjovschi anwenden. Die Zeitung, die Nachricht, die Welt, wie sie sich in der Presse spiegelt, ist für den rumänischen Künstler Ausgangs- und Bezugspunkt seiner Arbeit. Frech und intelligent kommentiert er in kleinen, einfachen Zeichnungen das Zeitgeschehen. Seine Arbeiten sind so wild und direkt wie Toilettentür-Graffiti und dabei oft von kühner Klugheit. Das verdeutlicht die Ausstellung ‹Pression Liberté Expression› im Magasin Centre National d'Art Contemporain Grenoble, die von Gastkuratorin Hilde Teerlinck eingerichtet wurde.
Teerlinck, hauptberuflich Kuratorin am Palais de Tokyo in Paris, gab dem rumänischen Künstler Raum, seine verschiedenen Arbeitsverfahren zu zeigen. Dabei entstand ein Parcours mit vier atmosphärisch unterschiedlichen Räumen. In einem kleinen weissen Saal hängen Zeitungen, in denen Perjovschis Zeichnungen gedruckt wurden, an Holzleisten wie im Kaffeehaus. Sitzelemente laden ein: Bitte Platz nehmen, blättern, eintauchen. Für Perjovschi ist dieser Raum ein Kabinett der Reminiszenzen. Er enthält ältere Arbeiten und verweist auf die Wildwest-Stimmung in der rumänischen Medienlandschaft in den Jahren nach dem Fall des Kommunismus. «Plötzlich gab es jede Woche eine neue Zeitung», erzählt Perjovschi, der mit seinen karikaturistischen Arbeiten ein feines Gespür für politische Botschaften und die dahinterliegenden Wahrheiten zeigt. Ebenso für die Symbole der Konsum-Demokratie und für die Veränderlichkeit von Begriffen. Die kleine Überwachungskamera, die Attentäter-Maske mit Augenschlitz, der Stiefel, der Europa oder die Freiheit zertreten kann, sind Symbole, die immer wieder in der Ausstellung auftauchen und emblematisch für die Angst des neoliberalen Westens vor Bedrohungen von aussen wie auch von innen stehen.
Perjovschi zeichnet Weiss auf Schwarz wie auf eine Schultafel, er zeichnet auf Glas, auf Zeitungspapier, das einen ganzen Raum auskleidet. Das einfache Material, der schnelle Strich betonen das Ephemere dieser Arbeit, die dem hektischen Rhythmus der Aktualität folgt, ohne sich ihm zu unterwerfen.

Bis: 26.07.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Dan Perjovschi [09.04.15-26.07.15]
Institutionen Magasin [Grenoble/Frankreich]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Dan Perjovschi
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